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DIE BHAGAVADGÎTÂ
S. RADHAKRISHNAN[1]
„Ich versenke mich in dich, o Mutter, o Bhagavadgîtâ,
heilige, die du vom erhabenen Nârâyana selbst dem Arjuna verkündet
wurdest, von Vyâsa, dem alten Weisen, inmitten des Mahâbhârata
niedergegeschrieben wurdest, aus achtzehn Kapiteln bestehst, den Nektar
nichtzweiheitlichen Wissens träufelst, die Wiedergeburt vernichtest.[2]“
„Dieses berühmte Gîtâsâstra ist eine Zusammenfassung des
Wesentlichen aller vedischen Lehren. Die Kenntnis ihrer Lehre führt zur
Verwirklichung aller menschlichen Bestrebungen.[3]“
„In der Bhagavadgîtâ finde ich einen Trost, den ich
selbst in der Bergpredigt vermisse. Wenn mir manchmal die Enttäuschung
ins Antlitz starrt, wenn ich, verlassen, keinen Lichtstrahl erblicke,
greife ich zur Bhagavadgîtâ. Dann finde ich hier und dort eine Strophe
und beginne alsbald zu lächeln inmitten aller niederschmetternden
Tragödien – und mein Leben ist voll von äußeren Tragödien gewesen. Wenn
sie alle keine sichtbare, keine untilgbare Wunde auf mir hinterlassen
haben, verdanke ich dies den Lehren der Bhagavadgîtâ“ (Mohandas
Karamchand Gândhi, Young India, 1925, S. 1078 f.).
INHALTSVERZEICHNIS
EINLEITUNG
INTRODUCTION IN ENGLISH
by Dr. Ramananda Prasad, Ph.D.
The Gita is a doctrine of universal truth. Its message is
universal, sublime, and non-sectarian although it is a part of the
scriptural trinity of Sanaatana Dharma, commonly known as Hinduism. The
Gita is very easy to understand in any language for a mature mind. A
repeated reading with faith will reveal all the sublime ideas contained
in it. A few abstruse statements are interspersed here and there but
they have no direct bearing on practical issues or the central theme of
Gita. The Gita deals with the most sacred metaphysical science. It
imparts the knowledge of the Self and answers two universal questions:
Who am I, and how can I lead a happy and peaceful life in this world of
dualities. It is a book of yoga, the moral and spiritual growth, for
mankind based on the cardinal principles of the Hindu religion.
The message of the Gita came to humanity because of Arjuna’s
unwillingness to do his duty as a warrior because fighting involved
destruction and killing. Non-violence or Ahimsa is one of the most
fundamental tenets of Hinduism. All lives, human or non-human, are
sacred. This immortal discourse between the Supreme Lord, Krishna, and
His devotee-friend, Arjuna, occurs not in a temple, a secluded forest,
or on a mountain top but on a battlefield on the eve of a war and is
recorded in the great epic, Mahaabhaarata. In the Gita Lord Krishna
advises Arjuna to get up and fight. This may create a misunderstanding
of the principles of Ahimsa if the background of the war of
Mahaabhaarata is not kept in mind. Therefore, a brief historical
description is in order.
In ancient times there was a king who had two sons,
Dhritaraashtra and
Paandu. The former was born blind, therefore,
Paandu inherited the kingdom.
Paandu had five sons. They were called the
Paandavs.
Dhritaraashtra had one hundred sons. They were called the
Kauravs. Duryodhana was the eldest of the
Kauravs.
After the death of king Paandu, the
eldest son of Paandu became the lawful King.
Duryodhana was a very jealous person. He also wanted the kingdom. The
kingdom was divided into two halves between the
Paandavs and the Kauravs.
Duryodhana was not satisfied with his share of the kingdom. He
wanted the entire kingdom for himself. He unsuccessfully planned several
foul plots to kill the Paandavs and take
away their kingdom. He unlawfully took possession of the entire kingdom
of the Paandavs and refused to give back
even an acre of land without a war. All mediation by Lord Krishna and
others failed. The big war of Mahaabhaarata was thus inevitable. The
Paandavs were unwilling participants. They
had only two choices: Fight for their right as a matter of duty or run
away from war and accept defeat in the name of peace and
nonviolence. Arjuna, one of the five
Paandava brothers, faced the dilemma in the
battlefield whether to fight, or run away from war for the sake of
peace.
Arjuna’s dilemma is, in reality, the universal dilemma. Every
human being faces dilemmas, big and small, in their everyday life when
performing their duties. Arjuna’s dilemma was a big one. He had to make
a choice between fighting the war and killing his most revered guru who
was on the other side, very dear friends, close relatives, and many
innocent warriors; or running away from the battlefield for the sake of
preserving the peace and nonviolence. The
entire seven hundred verses of the Gita is a discourse between Lord
Krishna and the confused Arjuna on the battlefield of Kurukshetra near
1.
Arjunas Zaudern und Niedergeschlagenheit
Dhrtarâstra sagte: Was taten, o Samjaya, die Meinen und
die Pândavas, da sie kampfbegierig sich auf dem Felde des Rechtes, dem
Kuru-Felde, gegenübertraten? (01.01
DIE ZWEI HEERE
Samjaya sagte: Nachdem Duryodhana, der König, das in
Schachtordnung aufgestellte Heer der Pândavas erblickt hatte, ging er zu
seinem Lehrer hin und sprach: (01.02)
Sieh, o Lehrer, das riesige Heer der Pândusöhne, das der
Sohn Drupadas, dein weiser Schüler, augestelt hat. (01.03)
Da sind Helden, großmächtige Bogenschützen, die dem
Bhîma und dem Arjuna im Kampfe gleichen: Yuyudhâna, Virâta und Drupada,
der gewaltige Krieger. (01.04)
Dhrstaketu, Cekitâna und der tapfere König von Kâsi,
ferner Purujit, Kuntibhoja und Saibya, der erste aller Männer. (01.05)
Der starke Yudhâmanyu und der kühne Uttamaujas, dann der
Sohn der Subhadrâ un die Söhne der Draupadi, alle große Krieger. (01.06)
Höre nun, o bester der Zweimalgeborenen, welche
hervorragenden (Männer) unter uns die Führer meines Heeres sind. Ich
will sie dir nennen, damit du unterrichtet bist. (01.07)
Du selbst, Bhîsma und Karna und Krpa, der Kampfgewinner;
Asvatthâman, Vikarna und der Sohn des Somadatta. (01.08)
Und viele andere Helden, die meinetwillen ihr Leber aufs
Spiel gesetzt haben; sie sind mit den verschiedensten Waffen ausgerüstet
und alle kampferfahren. (01.09)
Unbegrenzt ist diese unsere Heeresmacht, die von Bhîsma
geleitet wird, begrenzt jedoch jene Heeresmacht der anderen, die von
Bhîma geleitet wird. (01.10)
Euren Rängen entsprechend an allen Fronten aufgestellt,
sollt ihr daher den Bhîsma unterstüten. (01.11)
DAS ERTÖNEN DER MUSCHELHÖRNER
Um ihn aufzumuntern, brüllte der alte Kuru, der tapfere
Großvater, laut wie ein Löwe und blies seine Muschel. (01.12)
Dann wurden plötzlich Muscheln, Kesselpauken, Tamburins
und Hörner angeschlagen, und der Lärm war gewaltig. (01.13)
Auf ihrem an weiße Rosse gespannten, großen Wagen
stehend, bliesen Kŗşna und Arjuna ihre himmlischen Muscheln. (01.14)
Kŗşna blies seine Pâncajanya (-Muschel), Arjuna seine
Devadatta, und Bhîma, der schreckliche Taten Vollbringende, seine
mächtige Muschel Paundra. (01.15)
Fürst Yudhisthira, der Sohn der Kunti, blies seine
Ananta-vijaya, und Nakula und Sahadeva bliesen auf ihren beiden
(Muscheln) Sughosa und Manipuspaka. (01.16)
Und der König von Kâsi, das Haupt der Bogenschützen,
Sikhandin, der große Krieger, Dhrstadyumna und Virâta und der
unbesiegbare Sâtyaki, (01.17)
Drupada und die Söhne der Draupadi, o Herr der Erde, und
der starkarmige Sohn der Subhadrâ, sie bliesen auf allen Seiten jeder
seine Muschel. (01.18)
Das gewaltige, durch Himmel und Erde widerhallende Tosen
zerriß die Herzen der Söhne Dhrtarâstras. (01.19)
ARJUNA ÜBERBLICKT DIE BEIDEN
HEERE
Dann blickte Arjuna, der einen Affenschopf im Banner
trug, auf die in Schlachtordnung aufgestellten Söhne des Dhrtarâstra und
richtete seinen Bogen auf, als der Pfeilhagel einsetzte. (01.20)
Und er sprach, o Herr der Erde, dieses Wort zu Hrsikésa
(Kŗşna): O Acyuta (Kŗşna), fahre meinen Wagen zwischen die beiden Heere,
(01.21)
Damit ich jene schaure, die sich kampfeslustig
aufgestellt haben, mit welchen ich in dieser Schlacht zu streiten habe.
(01.22)
Ich will sie sehen, die hier kampfbereit
zusammengekommen sind und in der Schlacht vollbringen wollen, was dem
übelgesinnten Sohn des Dhrtarâstra lieb ist. (01.23)
Nachdem er so von Gudâkesa (Arjuna) angesprochen worden
war, o Bhârata (Dhrtarâstra), fuhr Hrsîkésa (Kŗşna) den besten der Wagen
zwischen die beiden Heere. (01.24)
Vor Bhîsma, Drona und allen Fürsten sagte er: Erblicke
hier, o Pârtha (Arjuna), die versammelten Kurus! (01.25)
Da sah Arjuna, daß dort Väter und Großväter, Lehrer,
Onkel, Brüder, Söhne, Enkel und Gefährten standen. (01.26)
Und Schwiegerväter auch, und Freunde, in beiden Heeren.
Als der Sohn der Kunti (Arjuna) alle diese Verwandten dort aufggestellt
sah, überkam ihn großes Mitleid, und traurig sagte er: (01.27)
DIE BETRÜBNIS DES ARJUNA
Wenn ich, o Kŗşna, meine eigenen Leute kampfbereit
aufgestellt sehe, (01.28)
Beben meine Lippen, mein Mund wird trocken, mein Körper
zittert, und meine Haare sträuben sich. (01.29)
(Der Bogen) Gândiva gleitet aus meiner Hand, und meine
Haut brennt heftig. Ich vermag nicht mehr zu stehen. Es schwindelt mir.
(01.30)
Und ich sehe böse Vorzeichen, o Kesava (Kŗşna), und ich
finde kein Heil darin, meine eigenen Leute in der Schlacht zu töten.
(01.31)
Ich begehre nicht nach Sieg, o Kesava, auch nicht nach
Königsherrschaft und Freuden. Welchen Nutzen haben wir denn vom
Königtume, o Govinda, von den Genüssen, oder von Leben selbst? (01.32)
Jene, um deretwillen Königsherrschaft, Genüsse und
Freuden uns begehrenswert erscheinen, stehen hier im Kampfe gegenüber
und haben auf Leben und Güter verzichtet. (01.33)
Lehrer, Väter, Söhne und Großväter auch, Onkel,
Schwiegerväter, Enkel, Schwager und (andere) Verwandte. (01.34)
Wenngleich sie selbst mich töten würden, o Madhusûdana
(Kŗşna), möchte ich diese nicht töten, und wäre es für die Herrschaft
über die drei Welten; wieviel weniger für die Erde! (01.35)
Welche Freude, o Kŗşna, könnte uns zuteil werden,
nachdem wir die Söhne Dhrtarâstras erschlagen haben? Nur die Sünde würde
uns befallen, wenn wir diese Übelgesinnten töteten. (01.36)
Darum ziemt es uns nicht, die Söhne Dhrtarâstras, unsere
eigenen Verwandten, zu töten; denn wie könnten wir je glücklich werden,
o Mâdhava (Kŗşna), nachdem wir unsere eigenen Leute getötet haben?
(01.37)
Wenn auch jene, deren Sinn von Gier gehemmt ist, die
Zerstörung der Familie nicht als Übel ansehen und im Freundesverrat kein
Verbrechen finden, (01.38)
Warum sollen wir nicht erkennen dürfen, o Janârdana
(Kŗşna), daß es gilt, uns von dieser Sünde fernzuhalten, wir, die wir
die Zerstörung der Familie als Übel ansehen? (01.39)
Wird eine Familie zerstört, so gehen auch ihre alten
Gesetze zugrunde; und wenn die Gesetze untergehen, verfällt die ganze
Familie der Gesetzlosigkeit. (01.40)
Und wenn Gesetzlosigkeit überhandnimmt, befält die
Frauen der Familie Verderbnis, und wenn die Frauen verderbt sind, o
Vârsneya (Kŗşna), ensteht Vermischung der Ka
sten. (01.41)
Vermischung führt die Zerstörer der Familie und die
Familie selbst zur Hölle. Denn nun brechen, der Reis- und Wasseropfer
beraubt, die Geister der Vorfahren zusammen.
(01.42)
Durch die Verbrechen der Familienzerstörer und die von
ihnen bewirkte Vermischung der Kasten werden die unsterblichen Gesetze
der Kaste und der Familie vernichtet. (01.43)
Und, so haben wir sagen gehört, den Menschen, deren
Familiengesetze vernichtet sind, ist der Aufenthalt in der Hölle gewiß,
o Janârdana (Kŗşna). (01.44)
Ach weh! Wir sind entschlossen, eine große Sünde zu
begehen; denn aus Gier nach den Freuden der Königherrschaft stehen wir
bereit, unsere eigenen Leute zu töten. (01.45)
Es wäre besser für mich, wenn die Söhne des Dhrtarâstra,
mit Waffen in ihren Händen, mich, den Unbewaffneten, Wehrlosen, in der
Schlacht erschlügen. (01.46)
Nachdem Arjuna auf dem Schlachtfelde so gesprochen
hatte, sank er auf den Sitz seines Wagens nieder und warf Bogen und
Pfeile weg, im Geiste von Betrübnis überwältigt. (01.47)
In der Upanişad
der Bhagavadgîtâ, der
Wissenschaft vom Absoluten, der Schrift über den Yoga und dem
Zwiegespräch zwischen Śri Kŗşna und Arjuna ist dies das erste Kapitel,
genannt: Die Niedergeschlagenheit des Arjuna.
2.
Sâmkhya-theorie und Yoga-praxis
KŖŞNA TADELT UND ERMAHNT ZUR
TAPFERKEIT
Als er so von Mitleid erfüllt und niedergeschlagen war,
die Augen traurig und voll Tränen, sprach Madhusûdana (Kŗşna) diese
Worte zu ihm: (02.01)
Der Ehrwürdige sprach: Woher kommt dir in dieser
schweren Stunde diese Befleckung (Bestürzung)? Sie ist edlen Geistern
unbekannt (von Ariern nicht geschätzt), führt nicht in den Himmel und
bereitet Schande, o Arjuna! (02.02)
Ergib dich nicht der Unmännlichkeit, o Pârtha (Arjuna),
denn sie geziemt dir nicht. Lege diese niedrige Herzensschwachheit ab
und erhebe dich, o Feindbedränger (Arjuna)! (02.03)
ARJUNAS ZWEIFEL BLEIBEN UNGELÖST
Arjuna sagte: Wie soll ich denn in dieser Schlacht, o
Madhusûdana (Kŗşna), mit Pfeilen den Bhîsma und den Drona bekämpfen, die
(ich) beide sehr verehre, o Feindetöter (Kŗşna)? (02.04)
Es dünkt mir besser, diese ehrwürdigen Lehrer nicht zu
töten und betteln zu gehen auf Erden, als diese Lehrer, die zwar nach
Gewinn begehren, zu erschlagen und blutbeschmierte Freuden zu genießen.
(02.05)
Wir wissen nicht, was besser für uns wäre: daß wir
siegen, oder daß jene uns besiegen. Die Söhne Dhrtarâstras, nach deren
Tötung wir nicht mehr leben möchten, stehen uns gegenüber. (02.06)
Mein ganzes Wesen ist mit der Schwäche meines Mitleids
geschlagen. In meinem Geiste um die Pflicht verwirrt, frage ich dich:
Sage mir sicher, was das Bessere ist. Ich bin dein Schüler. Lehre mich,
der ich mich darum an dich wende. (02.07)
Ich sehe nicht, was diesen Kummer, der meine Sinne
austrocknet, vertreiben könnte, selbst wenn ich ein blühendes, mir
unbestrittenes Königreich auf Erden erlangen würde oder gar die höchste
Herrschaft über die Götter. (02.08)
Samjaya sagte: Nachdem er so zu Hrsîkésa (Kŗşna)
gesprochen hatte, sagte der mächtige Gudâkesa (Arjuna) zu Govinda
(Kŗşna): „Ich will nicht kämpfen“, und schwieg stille. (02.09)
Gleichsam lächelnd, o Bhârata (Dhrtarâstra), sprach nun
Hrsîkésa (Kŗşna) zu ihm, dem Verzagenden, inmitten der beiden Heere:
(02.10)
UNTERSCHEIDUNG VON SELBST UND
KÖRPER:
WIR SOLLEN NICHT BEKLAGEN, WAS
UNVERGÄNGLICH IST
Der
Erhabene sagte: Du klagst um solche, die nicht zu beklagen sind,
und willst doch Worte der Wahrheit sprechen. Weise beklagen Tote und
Lebende nicht. (02.11)
Nie gab es eine Zeit, da ich nicht war und du und diese
Fürsten, noch wird je eine Zeit kommen, da wir nicht mehr sein werden.
(02.12)
Wie die Seele bereits in diesem
Körper Kindheit, Jugend und Alter hat, so geschiedt es auch, daß sie
einen anderen körper ergreift. Der Weise wird daran nicht irre.
(Siehe 15.08) (02.13)
Die Berührungen mit ihren Objekten, o Sohn der Kunti
(Arjuna), bewirken Kälte und Hitze, Freude und Schmerz. Sie kommen und
gehen und sind nicht von Bestand. Lerne sie ertragen, o Bhârata
(Arjuna). (02.14)
Welchen menschen diese nicht quälen, o erster der Männer
(Arjuna), wer derselbe bleibt in Schmerz und Freude, wer weise ist,
dieser rüstet sich zur Ewigkeit. (02.15)
Das Nichtseiende kann nicht sein, das Seiende kann nicht
aufhören zu sein. Die Wahrheitsseher haben den Schluß aus diesen beiden
entdeckt. (02.16)
Wisse, daß unzerstörbar ist, von dem das alles
durchdrungen wird. Niemand kann Zerstörung dieses Unwandelbaren
bewirken. (02.17)
Ein Ende haben die Körper, unzerstörbar und unfaßbar
aber ist das Ewige, welches in diese Körper eingegangen ist. Darum
kämpfe, o Bhârata (Arjuna)! (02.18)
Wer denkt, er tötet, wer glaubt, er
werde getötet, sind beide im Irrtum. Nicht tötet dieser eine, noch wird
er getötet. (02.19)
Nicht wird er geboren, noch stirbt er jemals. Ins Sein
gelangt, wird er nicht wieder aufhören zu sein. Er ist ungeboren, ewig,
dauerhaft und uralt. Er wird nicht getötet, wenn der Körper getötet
wird. (02.20)
Wer ihn als unzerstörbar und ewig, ungeboren und
unvergänglich kennt, wie könnte ein solcher Mensch, o Pârtha (Arjuna),
irgendeinen töten, irgendeinen töten lassen? (02.21)
Wie ein Mann abgetragene Kleider
ablegt und andere, neue anzieht, so legt auch die Seele die abgetragenen
Körper ab und geht in andere, neue, ein. (02.22)
Nicht spalten ihn die Schwerter, nich brennt ihn das
Feuer, nicht benetzen ihn die Wasser, nicht trocknet ihn der Wind.
(02.23)
Er kann nicht gespalten, nicht verbrannt, nicht benetzt
und nicht ausgetrocknet werden. Er ist ewig, allgegenwärtig,
unwandelbar, unbeweglich, immerwährend. (02.24)
Er wird unoffenbar, undenkbar, unveränderlich genannt.
Darum sollst du nicht klagen, nachdem du ihn als solchen erkannt hast.
(02.25)
WIR SOLLEN DAS VERGÄNGLICHE NICHT
BETRAUERN
Selbst wenn du meinst, daß das Selbst immer wieder
geboren werde und immer wieder sterbe, selbst dann, o Großarmiger
(Arjuna), sollst du nicht klagen. (02.26)
Denn dem Geborenen ist der Tod gewiß, dem Toten ist die
Geburt gewiß. Darum sollst du über eine unvermeidliche Sache nicht
trauern. (02.27)
Nicht offenbar sind die Wesen an
ihrem Beginne, offenbar in der Mitte, o Bhârata (Arjuna), und nicht
offenbar wiederrum an ihrem Ende. Was gibt es da zu klagen? (02.28)
Der eine betrachtet ihn wie ein Wunder, der andere
spricht von ihm wie von einem Wunder, ein anderer wieder hört von ihm
wie von einem Wunder, und doch kennt ihn keiner, auch wenn er von ihm
gehört hat. (Siehe KaU 2.07)
(02.29)
Der im Körper von uns allen weilt, o Bhârata (Arjuna),
ist ewig, unzerstörbar. Darum sollst du kein Wesen beklagen. (02.30)
APPELL AN DAS PFICHTGEFÜHL
Und auch wenn du deine Pflicht berücksichtigst, sollst
du nicht schwanken. Denn Größeres gibt es für einen Krieger nicht als
den pflichtgemäßen Kampf. (02.31)
Glücklich sind die Ksatriyas, o Pârtha (Arjuna), denen
sich ein solcher Krieg wie eine weit geöffnete Himmelstüre darbietet.
(02.32)
Wenn du diese pflichtgemäße Schlacht nicht aufnimmst,
gerätst du in Schuld, indem du dein Gesetz und deinen Ruhm verrätst.
(02.33)
Außerdem wird man ohne Unterlaß deine Schmach verkünden,
und für einen Mann, der einst geehrt wurde, ist Schmach schlimmer als
Sterben. (02.34)
Die großen Krieger werden glauben, daß du dich aus
Furcht dem Kampfe entzogen hast, und sie werden dich, den sie einst
hochgeschätzt haben, für gering achten. (02.35)
Deine Feinde werden viel Ungebührliches reden und deine
Fähigkeit tadeln. Könnte es Traurigeres geben als das? (02.36)
Entweder wirst du getötet werden und in den Himmel
eingehen oder du wirst siegen und die Erde genießen. Darum erhebe dich,
o Sohn der Kunti (Arjuna), zum Kampf entschlossen! (02.37)
Rüste dich zum Kampfe, nachdem dir
Freude und Leid, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage gleichgültig
geworden sind. So wirst du nicht in Schuld geraten. (02.38)
Was ich dir eben gegeben habe, o Pârtha (Arjuna), ist
die Weisheit des Sâmkhya. Vernimm nun die Weisheit des Yoga! Wenn dein
Verstand diese aufnimmt, wirst du die Bindung durch die Werke ablegen.
(02.39)
Auf diesem Pfade ist keine Mühe verloren, und es gibt
kein Hindernis. Schon ein wenig von dieser Gerechtigkeit (dharma)
errettet vor großer Gefahr. (02.40)
Hier gibt es, o Freude der Kurus (Arjuna), nur das
entschlossene Verstehen; es ist eines. Die Gedanken der Unentschlossenen
aber sind vielverzweigt und endlos. (02.41)
KEINE WEISHEIT FÜR DEN
IRDISCH-GESINNTEN
Die Einsichtslosen, die sich an den Vedaschriften
ergötzen, die behaupten, daß es anderes nicht gebe, die auf den Himmel
bedacht sind und deren Wesen die Begierde ist, verkünden jene blumigen
Worte, welche als Lohn der Taten die Wiedergeburt verheißen und viele
besondere Riten zur Erlangung von Genüssen und der Herrschaft
(festlegen). (02.42-43)
Nicht wohl begründet im Selbst (oder: in der Versenkung)
ist der zwischen Gut und Böse unterscheidende Verstand jener, die an den
Genüssen und der Macht hängen und deren Geist von diesen (Veda-) Worten
hingerissen wird. (02.44)
Hauptasche des Veda sind die Erscheinungsformen; du
aber, o Arjuna, befreie dich von dieser dreifachen Natur. Sei frei von
den Gegensätzen, stehe fest in der Reinheit, sorge dich nicht um Erwerb
und Erhaltung, besitze das Selbst! (02.45)
Soviel Nutzen ein Teich hat, an einer Stelle, wo von
allen Seiten her die Wasser zusammengeströmt sind, soviel Nutzen haben
auch die Veden für den Brahmanen, welcher erkennt. (02.46)
HANDLE OHNE RÜCKSICHT AUF DEN
ERFOLG
Deine Aufgabe liegt allein im
Handeln, nicht in dessen Früchten. Lasse nicht die Früchte deines Tuns
deinen Beweggrund sein; ergib dich nicht der Untätigkeit! (02.47)
Gib die Anhänglichkeit auf, o
Schätzegewinner (Arjuna), und volbringe, im Yoga gefestigt, deine Werke.
Sei gleichmütig gegen Erfolg und Mißerfolg. Gleichmut wird Yoga genannt.
(02.48)
Das Werksteht tief unter der Zügelung des Verstandes (buddhi-yoga),
o Schätzegewinner (Arjuna). Suche im Verstande deine Zuflucht.
Erbarmenswert sind jene, die nach Früchten trachten. (02.49)
Wer seinen Verstand (an das
Göttliche) geschirrt hat (oder: in seinen Verstande wohl gegründet ist),
läßt beides fahren: Gut und Böse. Befleißige dich darum des Yoga. Yoga
ist Geschick im Handeln. (02.50)
Die Weisen, welche ihren Verstand (mit dem Göttlichen)
verbunden haben, indem sie auf die Früchte ihrer Werke verzichtet und
von den Banden der Geburt sich befreit haben, erreichen den leidlosen
Ort. (02.51)
Da dein Verstand die Trübnis der Verblendung überquert,
wird dir gleichgültig werden, was gehört worden ist und was noch zu
hören sein soll. (02.52)
Wenn dein Verstand, von den vedischen Texten verwirrt,
unerschütterlich und fest im Geiste (samâdhi)
gründen wird, wirst du Einsicht (yoga)
erlangen. (02.53)
DIE MERKMALE DES VOLLKOMMENEN
WEISEN
Arjuna sagte: Welches ist die Beschreibung eines
Menschen, der diese festgegründete Weisheit hat, dessen Wesen im Geiste
feststeht, o Keśava (Kŗşna)? Wie wird er, dessen Verstand gefestigt ist,
sprechen, wie wird er sitzen, wie wird er gehen? (02.54)
Der Erhabene sagte: Wenn jemand alle Wünsche seines
Herzens ablegt, o Pârtha (Arjuna), und wenn sein Geist in sich selbst
Genüge findet, wird er ein in seinem Verstande Feststehender genannt.
(02.55)
Wer in Leiden nicht erschüttert wird
und in Freuden frei von Begierden ist, von welchem Leidenschaft, Furcht
und Zorn gewichen sind, der wird ein in seinen Verstande feststehender
Weiser genannt. (02.56)
Wer nirgendwo Zuneigung hat, wer, wenn er Gutes oder
Schlechtes empfängt, weder Freude noch Haß empfindet, dessen Verstand
ist fest gegründet (in der Weisheit). (02.57)
Wer, wie eine Schildkröte ihre Glieder, seine
Sinnesorgane allerseits von den Sinnesobjekten zurüchzieht, dessen
Verstand ist fest gegründet (in der Weisheit). (02.58)
Die Sinnesobjekte wenden sich von der verkörperten Seele
ab, die aufhört, sich an ihnen zu nähren; doch bleibt der Geschmack für
sie. Aber selbst der Geschmack wendet sich ab,
wenn das Höchste erschaut wird. (02.59)
Mag ein Mensch auch noch so (nach
Vollendung) streben, mag er auch noch so einsichtig sein, o Sohn der
Kunti (Arjuna), die ungestümen Sinne reißen seinen Geist gewaltsam fort.
(02.60)
Sie alle (die Sinne) gebändigt
habend, soll er im Yoga dasitzen, auf mich gerichtet. Denn, wer die
Sinne in seiner Gewalt hat, dessen Verstand ist fest gegründet.
(02.61)
Wenn ein Mensch an die Sinneobjekte
denkt, entsteht Verhaftung an sie. Aus der Verhaftung entspringt
Begierde, und aus der Begierde entspringt Zorn. (02.62)
Aus dem Zorn entsteht Verwirrung, aus der Verwirrung
Verlust der Erinnerung, aus dem Verlust der Erinnerung Zerstörung des
Verstandes. An der Zerstörung des Verstandes. An der Zerstörung des
Verstandes geht er zugrunde. (02.63)
Wer aber seine Sinne im Zaum hält, wer mit gezügelten
Sinnen, die frei von Anhänglichkeit und Abneigung sind, unter den
Sinnesobjekten umhergeht, dieser Mensch erlangt die lauterkeit des
Geistes. (02.64)
Und in dieser Lauterkeit des Geistes wird ihm das Ende
allen Kummers bereitet. Der Verstand eines solchen Mannes von lauterem
Geiste ist bald gefestigt (in dem Frieden des Selbst). (02.65)
Wer ohne Zucht ist, hat keinen Verstand, und wer ohne
Zucht ist, hat auch kein Versenkungsvermögen. Wer ohne
Versenkungsvermögen ist, findet keinen Frieden. Und wie könnte es für
einen, der keinen Frieden hat, Freude geben? (02.66)
Wenn der Geist den schwärmenden
Sinnen nachläuft, zieht er den Verstand mit sich fort, wie der Wind ein
Schiff auf dem Wasser mit sich fortzieht. (02.67)
Wer darum, o Starkarmiger (Arjuna), seine Sinnesorgane
allerseits von ihren Sinnesobjekten zurückhält, dessen Verstand ist fest
gegründet. (02.68)
Was für alle Wesen Nacht ist, ist Wachezeit für die
gezügelte Seele. Und was für alle Wesen Wachezeit ist, ist Nacht für des
Seher, der sieht (oder: den Seher der Schau). (02.69)
In den alle Begierden einmünden wie
die Wasser in den Ozean, der, obwohl immer angefüllt, doch stets
bewegungslos verharrt, dieser erlangt den Frieden; nicht aber, wer
seinen Begierden fröhnt. (02.70)
Wer alle Begierden aufgibt, ohne Verlangen handelt, ohne
Selbstsucht und Egoismus ist, dieser erlangt den Frieden. (02.71)
Dies ist, o Pârtha (Arjuna), der göttliche Zustand. Wer
ihn erreicht hat, wird nicht (mehr) verwirrt. Wer am Ende (in der
Todesstunde) in ihm feststeht, geht in die Seligkeit Gottes (brahmanirvâna)
ein. (02.72)
Dies ist das
zweite Kapitel, genannt: Der Yoga der Erkenntnis.
3.
Karmayoga oder die Methode zu Handeln
WARUM DANN ÜBERHAUPT HANDELN?
Arjuna sagte: enn du meinst, o Janârdana, daß (der Pfad
der) Erkenntnis besser ist als (der Pfad der) Handlung, warum drängst du
mich dann zu dieser grausamen Tat, o Keśava (Kŗşna)? (03.01)
Mit verwirrter Rede scheinst du meinen Verstand
irrezuführen. Teile mir doch ohne Umschweife das eine mit, wodurch ich
Heil erlangen kann. (03.02)
LEBEN IST HANDELN;
GLEICHGÜLTIGKEIT GEGEN DIE FOLGEN
DES HANDELNS IST ERFORDERLICH
Der Erhabene sagte: Der zweifache
Weg, den es in dieser Welt gibt, o Tadelloser, ist schon vorhin von mir
gelehrt worden: der Weg der Erkenntnis fûr die betrachtenden Menschen
und der Weg der Werke für die tätigen Menschen. (03.03)
Nicht durch das Unterlassen der Werke erlangt der Mensch
Befreiung von den Werken; nicht durch bloßes Entsagen erlangt er
Vollkommenheit. (03.04)
Denn kein Lebewesen kann auch nur einen Augenblick
verharren, ohne zu handeln. Jeder wird durch die naturentstandenen
Impulse, ohne daß er sich dagegen wehren kann, zum Handeln veranlaßt.
(03.05)
Wer die Tatsinne bezähmt, aber in seinem Herzen der
Sinnesobjekte gedenkt, wessen Natur betört ist, ein solcher wird ein
Heuchler genannt. (03.06)
Höher steht hingegen, o Arjuna, wer
die Sinne mit dem Geiste zähmt und die Tatsinne ohne Anhänglichkeit auf
dem Wege des Handelns einsetzt. (03.07)
WICHTIGKEIT DES OPFERS
Vollziehe dein dir zustehendes Werk, denn Handeln ist
besser als Nichthandeln. Auch die Aufrechterhaltung des physischen
Lebens gelingt nicht ohne Handeln. (03.08)
Abgesehen von dem Werk, das als und
für ein Opfer getan wird, ist die Welt an die Werke gebunden. Darum
befreie dich, o Sohn der Kunti (Arjuna), von aller Anhänglichkeit und
vollziehe dein Werk als Opfer. (03.09)
In alter Zeit schuf der Herr der Geschöpfe zusammen mit
dem Opfer die Menschen und sprach: Durch dieses werdet ihr euch
fortpflanzen, und dieses wird es sein, was euch den Milchtrank eurer
Wünsche spenden wird. (03.10)
Fördert damit die Götter, und die Götter mögen euch
fördern. So werdet ihr, einander fördernd, das höchste Gut erlangen.
(03.11)
Vom Opfer gefördert, werden euch die Götter jene Genüsse
schenken, die ihr begehrt. Wer diese Gaben genießt, ohne ihnen
zurückzugeben, ist fürwahr ein Dieb. (03.12)
Die Guten, welche die Überreste des Opfers verzehren,
werden von allen Sünden erlöst; aber jene Bösen, die für sich allein
Nahrung bereiten, sie essen die Sünde. (03.13)
Aus der Nahrung entstehen die Geschöpfe; aus dem Regen
entspringt die Nahrung; aus dem Opfer wird der Regen geboren, und das
Opfer entsteht aus dem Werke. (03.14)
Wisse, daß der Ursprung des
karman (der Art des Opfers)
im Brahman (dem Veda) liegt, und das Brahman entspringt im
Unvergänglichen. Darum hat das allumfassende Brahman stets im Opfer
seinen Mittelpunkt. (03.15)
Wer in dieser Welt das so in Bewegung
gesetztz Rad nicht weiterdrehen hilft, ist von böser Natur, sinnlich in
seinen Freuden und lebt umsonst, o Pârtha (Arjuna). (03.16)
HABE AM SELBST GENUG
Aber für den Menschen, der sich allein am Selbst
erfreut, am Selbst genug hat, im Selbst Befriedigung findet, gibt es
kein Werk mehr, das er tun müßte. (03.17)
So verfolgt er auch nicht die Absicht, durch Handlungen,
die er vollbracht hat, und durch handlungen, die er nicht vollbacht hat,
irgend etwas in dieser Welt zu gewinnen. Er hängt mit keinem Zweck von
allen diesen Dingen ab. (03.18)
Vollbringe darum immer, ohne
Anhänglichkeit, die auszuführende Tat, denn durch Handeln ohne
Anhänglichkeit gelangt der Mensch zum Höchsten. (03.19)
GIB ANDEREN EIN BEISPIEL
Gerade durch Werke haben Janaka und
andere die Vollendung erreicht. Du sollst auch zum Zwecke der
Welterhaltung handeln. (03.20)
Was immer ein großer Mann vollbringt, das vollbringen
andere ebensogut. Welchen Maßstab er auch immer setzen mag, die Welt
richtet sich darnach. (03.21)
Für mich, o Pârtha (Arjuna), gibt es kein Werk in den
drei Welten, das noch zu tun wäre, oder irgend etwas, das erlangt werden
müßte und noch nicht erlangt worden ist. Und trotzdem betätige ich mich
im Werke. (03.22)
Denn wenn ich mich je im Werke nicht unermüdlich
betätigen würde, o Pârtha (Arjuna), die Menschen würden doch allerwärts
meinem Wege folgen. (03.23)
Wenn ich aufhören würde zu handeln, würden diese Welten
in Trümmer fallen, und ich wäre der Urheber der Unordnung und würde
diese Menschen zugrunde richten. (03.24)
Wie die Unwissenden in Anhänglichkeit an das Werk
handeln, so sollen auch die Wissenden handeln, o Bhârata (Arjuna), aber
nicht in Anhänglichkeit, sondern in dem Verlangen, die Weltordnung
aufrecht zu erhalten. (03.25)
Er (jnânin)
möge die Gemüter der Unwissenden, die am Werke hangen, nicht verwirren.
Der Erleuchtete, der alle Handlungen im Geiste des Yoga vollbringt, möge
die anderen (ebenso) zum Werke anleiten.
(Siehe 03.29) (03.26)
DAS SELBST IST NICHT DER TÄTER
Alle Arten von Werken werden durch
die Erscheinungsformen der Natur vollzogen; der Mensch, dessen Seele vom
Selbstgefühl verwirrt ist, denkt aber: „Ic bin der Täter“. (Siehe 05.09,
13.29, und 14.19) (03.27)
Wer aber, o Starkarmiger (Arjuna), das wahre Wesen der
Unterschiedlichkeit (der Seele) von den Erscheinungsformen der natur und
ihren Werken kennt, wissend, daß es die Erscheinungsformen sind, die an
den Erscheinungsformen wirken, dieser verhaftet sich nicht. (03.28)
Die von den Erscheinungsformen der Natur verwirrt sind,
hangen an den von ihnen vollbrachten Werken. Aber niemand, der das Ganze
erkannt hat, möge die Unwissenden irre machen, die nur einen Teil
erkannt haben. (Siehe 03.26)
(03.29) Übertrage, in
vollem Bewußtsein auf das Selbst gestützt, alle diese Werke auf mich,
sei frei von Begierde und Selbstsucht und kämpfe , von deinem Fieberwahn
erlöst! (03.30) Auch jene Menschen, welche
gläubig und ohne Murren alle Zeit dieser meiner Lehre folgen, werden von
(der Bindung durch die) Werke erlöst. (03.31) Wisse, daß hingegen jene, die
meine Lehre gering schätzen und sie nicht befolgen, blind für alle
Weisheit, verloren und besinnungslos sind. (03.32)
NATUR UND PFICHT Selbst der wissende Mensch
handelt in Übereinstimmung mit seiner eigenen Natur. Die Lebewesen
folgen ihrer Natur. Was vermag hier Unterdrückung auszurichten? (03.33) Für jedes
Sinnesorgan sind Neigung und Abneigung in bezug auf die Objekte des
(betreffenden) Sinnesorgans festgesetzt. Niemand möge unter ihre Gewalt
kommen, denn sie sind zwei gefährliche Wegelagerer. (03.34) Es ist besser, das eigene Gesetz
unvollkommen zu erfüllen, als das Gesetz eines anderen vollkommen zu
erfüllen. Es ist besser, in (der Erfüllung) des eigenen Gesetzes zu
sterben;denn gefährlich ist es, dem Gesetz eines anderen zu folgen. (
Siehe 18.47) (03.35)
DER FEIND HEISST BEGIERDE UND
ZORN Arjuna sagte: Wodurch, o
Vârsneya (Kŗşna), wird nun aber, wie durch eine Kraft, der Mensch
angetrieben, selbst gegen seinen Willen Sünden zu begehen? (03.36)
Der Erhabene sagte: Es ist das
Begehren, es ist der Zorn, die, alles verschlingend und höchst sündhaft,
aus der Erscheinungsform der Leidenschaft entspringen. Wisse, daß er der
Feind hier ist! (03.37) Wie das Feuer
vom Rauche verhült wird,
ein Spiegel von Staub, ein Embryo vom Mutterleib umschlossen wird, so
ist dies von jenem (nämlich der Leidenschaft) verhüllt. (03.38) Von diesem
unersättlichen Feuer der Begierde, diesem dauernden Feind der Weisen,
wird, o Sohn der Kunti (Arjuna), das Wissen verhüllt. (03.39) Die
Sinnesorgane, das Denkorgan und die Vernunft werden sein Sitz genannt.
Indem er mittels derselben das Wissen verhüllt, täuscht er die in den
Körper eingegangene Seele. (03.40) Bezähme darum, o bester der
Bharatas (Arjuna), von Anfang an deine Sinne und vernichte diesen bösen
Zerstörer von Wissen und Unterscheidungsvermögen. (03.41) Groß sind, so heißt es, die
Sinnesorgane: größer als die Sinnesorgane ist das Denkorgan; größer als
das Denkorgan ist die Vernunft; aber noch größer als die Vernunft ist
er. 03.42) Erkenne ihn
so, der jenseits der Vernunft ist, befestige dein (niederes) Selbst
durch das Selbst und schlage so, o Starkarmiger (Arjuna), den schwer
besiegbaren Feind in Gestalt der Begierde. (03.43) Dies ist das
dritte Kapitel, genannt: Der Yoga der Werke.
4.
Der Weg des Erkennens
DIE TRADITION DES JNÂNA-YOGA
Der Erhabene sagte: Ich habe diesen unvergänglichen Yoga
dem Vivasvat verkündet; Vivasvat teilte ihn dem Manu mit und Manu dem
Ikşvâku. (04.01)
So von einem zum andern weitergegeben, kannten ihn auch
die königlichen Weisen, bis der Yoga im Laufe der langen Zeit, o
Feindbedränger (Arjuna), der Welt verloren ging. (04.02)
Diesen selben uralten Yoga habe ich dir heute kundgetan.
Denn du bist mein Verehrer und mein Freund. Und dies ist das höchste
Geheimnis. (04.03)
Arjuna sagte: Später war deine Geburt und früher war die
Geburt des Vivasvat. Wie kann ich da verstehen, daß du ihm diese (Lehre)
zu Anfang verkündet hast? (04.04)
DIE LEHRE VON DEN AVATARAS
Der Erhabene sagte: Zahlreich sind meine vergangenen,
Leben, und deine auch, o Arjuna. Ich kenne sie alle, du aber kennst sie
nicht, o Geißel der Feinde (Arjuna). (04.05)
Obgleich (ich) ungeboren (bin), und mein Selbst
unvergänglich (ist), obgleich (ich) der Herr aller Geschöpfe (bin), so
gelange ich doch durch meine Macht (mâyâ) zu (empirischem) Sein, indem
ich mich in meiner eigenen Natur festlege. (04.06)
Jedesmal, wenn die Rechtmäßigkeit im
Schwinden ist und Unrechtmäßigkeit sich erhebt, lasse ich mein Selbst
hervorströmen (fleischwerden). (04.07)
Um die Guten zu beschützen, die Bösen
zu vernichten und die Rechtmäßigkeit zu festigen, entstehe ich von
Weltalter zu Weltalter. (04.08)
Wer so in Wahrheit meine göttliche Geburt und meine
göttlichen Werke kennt, wird nicht wiedergeboren, wenn er seinen Leib
verläßt, sondern kommt zu mir, o Arjuna. (04.09)
Befreit von Leidenschaft, Angst und Zorn, in mich
versunken, ihre Zuflucht zu mir nehmend, haben viele, von der Askese des
Wissens geläutert, meinen Wesenszustand erreicht. (04.10)
Wie sie zu mir kommen, so nehme ich sie auf; überall
folgen Menschen meinen Pfade, o Pârtha (Arjuna). (04.11)
Die das Gelingen ihrer Werke auf Erden wünschen, opfern
den Göttern (den verschiedenen Formen der einen Gottheit), denn das
Gelingen der Werke vollzieht sich in dieser Menschenwelt rasch. (04.12)
GOTTES WERKE SIND BEGIERDELOS
Ich habe die vierfache Ordnung in
Übereinstimmung mit den Bereichen
von Eigenschaft und Werk feschaffen. Wisse, daß ich, obgleich ihr
Schöpfer, der Handlung und Veränderung unfähig bin.
(Siehe 18.41) (04.13)
HANDELN OHNE ANHÄNGLICHKEIT RUFT
KEINE BINDUNG HERVOR
Werke beflecken mich nicht, auch habe ich kein Verlangen
nach ihrer Frucht. Wer mich als solchen kennt, wird von den Werken nicht
gebunden. (04.14)
Solches wissend, haben auch die Altvordern, die nach
Erlösung suchten, das Werk geübt. Deshalb übe auch du das Werk, wie es
die Altvordern in vergangenen Zeiten geübt haben. (04.15)
HANDELN UND NICHTHANDELN
Was ist Handeln? Was ist Nichthandeln? Selbst Weise sind
darüber verwirrt. Ich werde dir erklären, was Handeln ist, das dich,
hast du es erkannt, vom Übel erlösen wird. (04.16)
Man muß verstehen, was Handeln ist; man muß verstehen,
was falsches Handeln ist; und man muß verstehen, was Nicht-Handeln ist;
schwer zu verstehen ist der Weg des Werkes. (04.17)
Wer im Handeln Nicht-Handeln erblickt
und Handeln im Nicht-Handeln, der ist ein Weiser unter den Menschen, ein
Yogin, ein all sein Werk Vollbringender.
(Siehe 3.05, 3.27, 5.08 und
13.29) (04.18)
Wessen Unternehmen frei von verlangenden Wünschen sind,
wessen Werke im Feuer der Weisheit verbrennen, ihn nennen die Weisen
einen Kundigen. (04.19)
Wer alles Anhängen an die Frucht der
Werke aufgegeben hat, immer zufrieden ist, ohne irgendwelche
Abhängigkeit, tut nichts, obwohl er sich ständig betätigt. (04.20)
Wer keine Wünsche hat, Herz und Selbst bezähmt, allen
Besitz verläßt, nur mit dem Körper handelt, begeht keinen Fehl. (04.21)
Wer sich dem begnügt, was immer der Zufall bringt, wer
über die Gegensätze (von Freude und Schmerz) erhaben ist, keinen Neid
hat und in Erfolg und Mißerfolg derselbe bleibt, dieser wird nicht
gebunden, auch wenn er handelt. (04.22)
OFPER UND SYMBOLISCHER WERT DES
OPFERS
Das Werk jenes Menschen, der sich von seinen
Verhaftungen getrennt hat, der erlöst ist, dessen Geist in der Weisheit
feststeht, der sein Werk als Opfer vollbringt, löst sich vollkommen auf.
(04.23)
Seine Opferhandlung ist Gott, seine
Opfergabe ist Gott. Durch Gotte wird sie in das Feuer Gottes geopfert.
Gott ist es, was jener erlangen wird, der in seinen Werken auf Gott
bedacht ist. (Siehe 9.16)
(04.24)
Einige Yogins opfern den Göttern, andere bringen im
Feuer des Höchsten durch das Opfer selbst das Opfer dar. (04.25)
Einige opfern das Gehör und die anderen Sinnesorgane in
das Feuer der Selbstüberwindung, andere opfern den Laut und die anderen
Sinnesobjekte in die Sinnesfeuer. (04.26)
Einige wieder opfern alle Handlungen ihrer Sinne und die
Werke ihrer Lebenskraft in das vom Wissen entzündete Feuer des Yoga der
Selbstzucht. ( (04.27)
In gleicher Weise opfern einige ihren materiellen Besitz
oder ihre Askese oder ihre geistigen Übungen, während andere, die sich
bezähmt und strenge Gelübde abgelegt haben, ihr Studium und ihre
Kenntnisse opfern. (04.28)
Andere wieder, die auf Atem-Regelung bedacht sind und
die Wege des prâna (Aushauch)
und apâna (Einhauch) in
Schranken halten, gießen des
prâna als Opfergabe in den
apâna und den apâna in
den prâna. (04.29)
Während andere, die ihre Nahrung einschränken, ihre
Lebenshauche als Opfergabe in die Lebenshauche gießen. Sie alle sind
Kenner des Opfers (wissen, was Opfer ist) und vernichten durch das Opfer
ihre Sünden. (04.30)
Diejenigen, welche die vom Opfer
übrig bleibende heilige Speise essen, gehen ein in das ewige Absolute.
Diese Welt, o bester der Kurus (Arjuna), ist nicht für einen geschaffen,
der kein Opfer vollzieht; wieviel weniger irgendeine andere Welt!
(Siehe 4.38, und 5.06)
(04.31)
So sind viele Arten von Opfern im Antlitz Brahmans
ausgebreitet (d.h. hervorgebracht als Mittel, das Absolute zu
erreichen). Wisse, daß sie alle aus dem Werke entspringen. Dieses
wissend, wirst du erlöst werden.
(Siehe 3.14) (04.32)
WISSEN UND WERK
Das Opfer der Erkenntnis ist größer
als jedes materielle Opfer, o Geißel der Feinde (Arjuna). Denn alle
Werke gipfeln ohne Ausnahme in der Weisheit. (04.33)
Lerne es durch demütige Verehrung,
durch Befragen und Dienen. Die Männer der Weisheit, die die Wahrheit
geschaut haben, werden dich im Wissen unterrichten. (04.34)
PREIS DER WEISHEIT
Wenn du es erkannt hast, wirst du, o Pândava, nicht
wieder in diese Verwirrung fallen. Den damit wirst du alle Wesen ohne
Ausnahme im Selbst und dann in mir erblicken.
(Siehe 6.29, 6.30, 11.07,
11.13) (04.35)
Und solltest du der sündigste aller Sünder sein, so
wirst du doch allein mit dem Schiffe der Weisheit alles Übel überqueren.
(04.36)
Wie das angezündete Feuer seinen
Brennstoff zu Asche macht, so macht, o Arjuna, das Feuer der Weisheit
alle Werke zu Asche. (04.37)
Es gibt nichts auf Erden, das an
Reinheit mit der Weisheit vergleichbar wäre. Von selbst findet dies mit
der Zeit in seinem Selbst, wer sich durch Yoga vervollkommt.
(Siehe 4.31, und 5.06, 18.78).
(04.38)
ZUR WEISHEIT IST GLAUBE
NOTWENDUNG
Wer Glauben hat, wer in sie (d.h.die Weisheit) vertieft
ist und seine Sinne im Zaume hält, gewinnt Weisheit. Und hat er Weisheit
gewonnen, so gelangt er rasch in den höchsten Frieden. (04.39)
Aber der Unwissende, der keinen Glauben hat, der zu
Zweifeln neigt, geht zugrunde. Für die zweifelnde Seele gibt es weder
diese Welt, noch die jenseitige Welt, noch irgendeine Glückseligkeit.
(04.40)
Die Werke binden jenen nicht, der durch den Yoga allen
Werken entsagt, der durch die Weisheit jeden Zweifel vernichtet hat und,
o Schätzegewinner (Arjuna), für immer im Besitze seines Selbst ist.
(04.41)
Zerschneide darum mit dem Schwert der Weisheit diesen
aus Unwissenheit geborenen Zweifel in deinem Herzen, mache dich an den
Yoga und erhebe dich, o Bhârata (Arjuna)! (04.42)
Das ist das
vierte Kapitel, genannt: Der Yoga der göttlichen Erkenntnis.
5.
Die Rechte Entsagung
SAMKHYA UND YOGA FÜHREN ZUM
SELBEN ZIEL
Arjuna sagte: Du rühmst, o Kŗşna, den Verzicht auf die
Werke und wiederum das selbstlose Ausführen derselben. Sage mir mit
Bestimmtheit, welches von diesen beiden das bessere ist.
(Siehe also 5.05)
(05.01)
Der Erhabene sagte: Der Verzicht auf die Werke und das
uneigennützige Verrichten derselben, beide führen zur Erlösung der
Seele. Aber von diesen beiden ist das uneigennützige Verrichten der
Werke besser als der Verzicht auf sie. (05.02)
Wer weder Abneigung noch Begierden hat, ist als einer zu
erkennen, der beständig den Geist der Entsagung besitzt; er, der ohne
Gegensätze ist, o Stark-Armiger (Arjuna), wird mühelos von der Bindung
erlöst. (05.03)
Die Unwissenden sprechen von der
Entsagung (Sâmkhya) und der Werkbetätigung (Yoga) als von zwei
verschiedenen Dingen, nicht aber der Weise. Wer eines davon gut
betreibt, erlangt die Frucht beider. (05.04)
Der Stand, den die Entsagenden
erlangen, wird auch von den Handelnden erreicht. Wer sieht, daß der Weg
der Entsagung und der des Handelns eins sind, dieser sieht (in
Wahrheit). (Siehe 6.01 und
6.02) (05.05)
Ohne Yoga, o Starkarmiger (Arjuna),
ist die Entsagung aber schwer zu erlangen; der Weise, der sich des Yoga
(des Weges der Werke) befleißigt, erlangt das Absolute bald.
(Siehe also 4.31, und 4.38)
(05.06)
Wer sich am Weg der Werke geübt hat, eine lautere Seele
besitzt, Herr seines Selbst ist und seine Sinne bezähmt hat, dessen
Seele zum Selbst aller Wesen wird, dieser wird von den Werken nicht
befleckt, obgleich er wirkt. (05.07)
Der mit dem Göttlichen vereinte und die Wahrheit
wissende Mensch denkt: „Ich tue gar nichts“, denn wenn er sieht, hört,
fühlt, riecht, schmeckt, geht, schläft, atmet; wenn er spricht,
ausscheidet, ergreift, die Augen öffnet und schließt, weiß er wohl, daß
nur die Sinne mit den Sinnesobjekten beschäftigt sind.
(Siehe 3.27, 13.29, und 14.19)
(05.08-09)
Wer, nachdem er alle Anhänlichkeit
aufgegeben hat, so handelt, daß er alle seine Handlungen Gott weiht,
wird von keiner Sünde berührt, wie ein Lotusblatt vom Wasser (unberührt
bleibt). (05.10)
Die Yogins (Tatmenschen) verrichten die Werke nur mit
dem Körper, dem Geiste, dem Verstand oder nur mit den Sinnesorganen,
indem sie zur Läuterung ihrer Seele alle Anhänlichkeit aufgeben. (05.11)
Die ernste (oder fromme) Seele
erlangt den wohlgegründeten Frieden, indem sie die Anhänglichkeit an die
Früchte der Werke aufgibt; aber derjenige, dessen Seele mit dem
Göttlichen nicht vereint ist, wird von Begierde getrieben, hängt an der
frucht (des handelns) und wird darum gebunden. (05.12)
DAS ERLEUCHTETE SELBST
Die in den Körper eingegangene (Seele), die ihre Natur
bezähmt, indem sie durch den Geist (innerlich) allen Werken entsagt,
wohnt behaglich in der Stadt der neun Tore, weder handelnd noch handeln
lassend. (05.13)
Das höchste
Selbst schafft den Menschen keine Tätigkeit, noch ist es selbst tätig,
noch verknüpft es die Werke mit ihren Früchten. Es ist die eigene Natur,
die diesse hervorbringt. (05.14)
Der alldurchdringende Geist nimmt sich weder der Sünde
noch der Verdienste irgendeines Menschen an. Die Weisheit wird von
Unwissenheit verhüllt; dadurch werden die Geschöpfe verwirrt. (05.15)
Jenen aber, in denen die Unwissenheit durch Weisheit
vernichtet wird, erhellt die Weisheit wie eine Sonne das höchste Selbst.
(05.16)
Die dieses denken, diesem ihr ganzes,
bewußtes Sein zuleiten, dieses zu ihrem einzigen Ziel machen, zum
alleinigen Objekt ihrer Hingabe, erreichen einen Zustand, von dem es
keine Wiederkehr gibt. Weisheit wäscht ihre Sünden weg. (05.17)
Mit gleichem Auge blicken die Weisen
auf einen gelehrten und demütigen Brahmanen, auf eine Kuh, einen
Elefanten, ja sogar auf einen Hund und einen Kastenlosen.
(Siehe 6.29) (05.18)
Selbst hier (auf Erden) wird die geschaffene (Welt) von
jenen besiegt, deren Sinn im Gleichmut feststeht. Gott ist ohne Fehler
und derselbe in allem. Darum stehen diese (Menschen) in Gott fest.
(Siehe 18.55) (05.19)
Man soll sich nicht freuen, wenn man Liebes erlangt, man
soll nicht trauern, wenn man Unliebes erlangt. Wer festen Verstandes ist
und unbeirrt, solch ein Kenner Gottes steht fest in Gott. (05.20)
Wenn die Seele nicht mehr an äußeren
Berührungen (Objekten) haftet, findet man jenes Glück, das im Selbst
ist. Solch einer, der sich im auf Gott (Brahma) gerichteten Yoga
beherrscht, genießt unvergängliche Wonne. (05.21)
Welche Freuden auch immer aus den Berührungen (mit den
Objekten) entspringen, sie alle sind eine Quelle des Leidens, sie haben
einen Anfang und ein Ende, o Sohn der Kunti (Arjuna). Kein Weiser
erfreut sich ihrer.
(Siehe18.38) (05.22)
Wer, bevor er seinen Körper aufgibt, dem Ansturm von
Begierde und Zorn widerstehen kann, ist ein Yogin, ist ein glücklicher
Mann. (05.23)
FRIEDE VON INNEN HER
Der das Glück in sich findet, seine Freude in sich
findet und ebenso sein Licht nur in sich findet, dieser Yogin wird
göttlich und gelangt zur Seligkeit Gottes (brahmanirvâna).
(05.24)
Die heiligen Männer, deren Sünden getilgt, deren Zweifel
(Gegensätze) vernichtet, deren Sinne bezähmt sind und die sich daran
erfreuen, allen Menschen Gutes (zu tun), gelangen zur Seligkeit Gottes.
(05.25)
Diesen beherrschten Seelen (yati),
die von Begierde und Zorn befreit sind, ihre Sinne im Zaume halten und
Kenntnis des Selbst besitzen, liegt die Seligkeit Gottes ganz nahe.
(05.26)
Der Weise, der alle äußeren Objekte ausschließt, den
Blick zwischen die Augenbrauen richtet, die durch die Nasenlöcher
ziehenden Ein- und Aushauche gleichmacht, der Sinne, Geist und Verstand
bezähmt hat, auf Erlösung bedacht ist und Begierde, Furcht und Zorn
abgelegt hat, ist für immer befreit. (05.27-28)
Der Weise, der mich als den Genießer der Opfer und
Kasteiungen, den großen Herrn aller Welten, den Freund aller Wesen
erkannt hat, geht in den Frieden ein. (05.29)
Dies ist das
fünfte Kapitel, genannt: Yoga der Werkentsagung.
6.
Der Wahre Yoga
ENTSAGEN UND HANDELN SIND EINS
Der Erhabene sagte: Wer das ihm obliegende Werk
verrichtet, ohne nach dessen Lohn zi suchen, ist ein Samnyasin, ist ein
Yogin; night aber, wer das heilige Feuer nicht anzünder und keine Riten
vollzieht. (06.01)
Wisse, o Pândava (Arjuna), daß das, was man
samnyâsa nennt, Aktivität
ist, die gebändigt wird; denn keiner wird ein Yogin, der nicht seinen
(selbstsüchtigen) Zielen entsagt hat.(Siehe BG
5.01, 5.05, 6.01, und 18.02)
(06.02)
Das Werk wird als das Mittel des
Weisen bezeichnet, der den Yoga zu erreichen wünscht. Hat er den Yoga
erreicht, so wird Ruhe als das Mittel bezeichnet. (06.03)
Wenn einer nicht mehr an den
Sinnesobjekten oder den Werken hängt und allen Vorsätzen entsagt hat,
dann wird er einer genannt, der den Yoga erlangt hat. (06.04)
Durch sich selbst erhebe der Mensch
sich selbst. Nicht erniedrige er sich selbst; denn das Selbst ist der
Freund des Selbst, und das Selbst allein ist der Feind des Selbst.
(06.05)
Wer sein (niederes) Selbst durch das
(höhere) Selbst besiegt hat, hat in seinem Selbst einen Freund. Wer aber
nicht im Besitz seines (höheren) Selbst ist, dessen Selbst wird wie ein
Feind in Feindschaft handeln. (06.06)
Wer sein (niederes) Selbst besiegt hat und zur Ruhe der
Selbstbeherrschung gelangt ist, dessen Selbst verharrt gesammelt; er hat
Frieden in Kälte und Hitze, in Freude und Schmerz, in Ehre und Schmach.
(06.07)
Der Asket (Yogin), dessen Seele an Weisheit und Wissen
Genüge findet, der unwandelbar und Herr seiner Sinne ist, dem ein
Erdklumpen, ein Stein und ein Stück Goldes dasselbe bedeuten, wird
bezähmt (im Yoga) genannt. (06.08)
Es zeichnet sich aus, wer
gleichgesinnt ist gegenüber Freunden, Gefährten und Feinden, gegenüber
neutralen und unparteiischen Menschen, gegenüber Widersachern und
Verwandten, Heiligen und Sündern. (06.09)
WESENTLICH IST DAUERNDE
WACHSAMKEIT ÜBER
KÖRPER UND GEIST
Der Yogin muß versuchen, seinen Geist beständig (auf das
höchste Selbst) zu richten, in der Einsamkeit verharrend, allein,
selbstgebändigt, frei von Begierden und (dem Verlangen nach)
Besitztümern. (06.10)
Er errichte sich an einem reinem Platze einen festen
Sitz, weder zu hoch noch zu niedrig, übereinander mit heiligem Grase,
einem Fell und einem Tuche bedekt. (06.11)
Er lasse sich auf diesem Sitze nieder, richte seinen
Geist auf einen Punkt, bezähme des Denken und die Sinne, und übe so, zur
Läuterung der Seele, den Yoga. (06.12)
Körper, Haupt und Hals aufrecht und unbeweglich haltend,
den Blick beständig auf die Nasenspitze richtend, ohne herumzuschauen
(ohne seine Blicke schweifen zu lassen), heiter und furchtlos, fest im
Gelübde der Enthaltsamkeit, dem Geist bezähmend, möge er dasitzen,
seinen Geist auf mich gerichtet, ausgeglichen, auf mich allein bedacht.
(Siehe BP 4.29, 5.27, 8.10, und
8.12) (06.13-14)
Der Yogin, der seinen Sinn bezähmt, sich immer auf
solche Weise in Einklang hält, geht in den Frienden, in das in mir
befindliche höchste nirvāna
ein. (06.15)
Der Yoga, wahrlich, ist nicht für einen bestimmt, der
zuviel ißt, oder sich des Essens zu sehr enthält. Er ist, o Arjuna, auch
nicht für jenen da, der zuviel schläft oder zuviel wacht. (06.16)
Wer in Ernährung und Vergnügungen mäßig ist, in seinen
Handlungen Zurückhaltung übt und Schaf und Wachen regelt, dem wird der
alle Leiden tilgende Yoga zuteil. (06.17)
DER VOLLKOMMENE YOGIN
Wenn der von allen Begierden erlöste, gebändigte Geist
einzig im Selbst fest gegründet ist, wird er (durch Yoga) ausgeglichen
genannt. (06.18)
Eine Lampe an einem windstillen Orte flackert nicht. Mit
ihr wird der Yogin verglichen, der sein Denken bezähmt hält und die
Vereinigung mit dem höchsten Selbst (oder Selbstzucht) übt. (06.19)
Dieses, worin das Denken ruht, das durch
Versenkungsübung zurückgedrängt its, worin er das Selbst mit dem Selbst
schaut und sich am Selbst erfreut; (06.20)
Worin er dieses höchste Entzücken findet, das durch den
Verstand wahrnehmbare, jenseits aller Sinnesbereiche liegende, worin
gegründet er nicht mehr von der Wahrheit abweicht; (06.21)
Dieses, welches er für einen nicht mehr zu
übertreffenden Gewinn hält, sobald er es gewonnen hat, worin gegründet
er selbst vom schwersten Leide nicht erschüttert wird; (06.22)
Dieses möge man unter dem Namen Yoga erkennen, die
Loslösung aus der Verbundenheit mit dem Leiden. Mit Entschlossenheit und
unverdrossenem Gemüte übe man diesen Yoga. (06.23)
Indem er ausnahmslos alle aus dem (selbstsüchtigen)
Wollen entspringenden Begierden aufgibt, die Schar der Sinne mit dem
Geiste auf allen Seiten zurückhält; (06.24)
Möge er mittels des in Standhaftigheit gezügelten
Verstandes allmählich zur Ruhe kommen und, nachdem er den Geist auf das
Selbst gerichtet hat, an nichts anderes (mehr) denken. (06.25)
Was immer den schwankenden,
unbeständigen Geist herumschweifen läßt, möge er zurückdrängen und der
alleinigen Lenkung des Selbst unterwerfen. (06.26)
Denn dem Yogin, dessen Geist friedvoll ist, dessen
Leidenschaften gestillt sind, der fleckenlos und mit Gott eins geworden
ist, wird höchste Wonne zuteil. (06.27)
Idem er auf diese Weise das Selbst in Einklang bringt,
erfährt der Yogin, der die Sünde abgelegt hat, mühelos die unendliche
Wonne der Berührung mit dem Ewigen. (06.28)
Er, dessen Selbst durch Yoga in
Einklang gebracht ist, sieht das Selbst in allen Wesen wohnen und alle
Wesen im Selbst; überall sieht er dasselbe.
(Siehe 4.35, 5.18)
(06.29)
Wer mich überall sieht und alles in
mir sieht, dem gehe ich nicht verloren, noch geht er mir verloren.
(06.30)
Der Yogin, der in der Einheit feststeht und mich als in
allen Wesen wohnend verehrt, lebt in mir, auf welche Weise er auch immer
tätig sein mag. (06.31)
Wer, o Arjuna, mit Gleichmut alles im
Bilde seines eigenen Selbst sieht, sei es in Freuden, sei es in Leiden,
dieser wird als ein vollkommener Yogin betrachtet. (06.32)
SINNEBEZÄHMUNG IST SCHWIERIG,
ABER MÖGLICH
Arjuna sagte: Für diesen Yoga, o Madhusūdana (Kŗşna),
von dem du erklärt hast, daß er in Gleichheit (Gleichmut) bestehe, sehe
ich ob der Wankelmütigkeit keinen festen Grund. (06.33)
Denn sehr wankelmütig ist der Geist, o Kŗşna, stürmisch,
stark und hartnäckig. Mir scheint, daß er ebenso schwer zu bändigen ist
wie der Wind. (06.34)
Der Erhabene sagte: O Starkarmiger
(Arjuna), ohne Zweifel ist der Geist schwer zu zügeln und ruhelos; doch
kann er, o Sohn der Kunti (Arjuna), durch beständige Übung und
Nicht-Anhänglichkeit bezähmt werden. (06.35)
Wer nicht selbstgezügelt ist, von dem ist der Yoga
schwer erlangbar, das meine ich auch. Er kann aber von demjenigen
erlangt werden, der selbstgezügelt ist und sich mit rechtenMitteln müht.
(06.36)
Arjuna sagte: Wer, obschon gläubig, sich nicht bezähmen
kann und, indem sein Geist vom Yoga abschweift, die Vollendung im Yoga
nicht erreicht, welchen Weg geht ein solcher, o Kŗşna? (06.37)
Geht er nicht, o Starkarmiger (Kŗşna), wie eine
zerfetzte Wolke zugrunde, aus beiden herabgesunken, ohne Halt, verwirrt
über den Pfad, der zum Ewigen führt? (06.38)
Du, o Kŗşna, mußt mir diesen Zweifel vollkommen
zerstreuen; denn es gibt keinen anderen als dich, der diesen Zweifel
vernichten kann. (Siehe 15.15)
(06.39)
Der Erhabene sprach: O Pârtha (Arjuna), ein solcher
Mensch erleidet keinen Untergang, weder in diesem Leben noch hernach;
denn nie, mein Freund, betritt einer, der Gutes tut, den Pfad des
Elends. (06.40)
Ein Mann, der vom Yoga abgefallen ist, wird, nachdem er
in die Welt der Rechtschaffenen gelangt ist und hier sehr viele Jahre
geweilt hat, im Hause reiner und glücklicher Menschen wiedergeboren
werden. (06.41)
Oder er mag in einer Familie weisheitsvoller Yogins
wiedergeboren werden. Denn eine solche Geburt ist hier auf Erden noch
schwerer zu erlangen. (06.42)
Hier gewinnt er die (geistigen) Eindrücke (der
Vereinigung mit dem Göttlichen) wieder, die er in seinem früheren Leben
entwickelt hatte. Und damit (als seinem Ausgangspunkt) strebt er, o
Freude der Kurus (Arjuna), aufs neue nach Vollendung. (06.43)
Durch seine frühere Übung wird er
unwiderstehlich weitergetragen. Auch der nach dem Yoga-Wissen Suchende
geht über die vedische Vorschrift hinaus. (06.44)
Der Yogin aber, der, von allen Sünden gereinigt, in
vielen Lebensläufen sich vollendend, mit Eifer strebt, erreicht sodann
das höchste Ziel. (06.45)
Der Yogin ist größer als die Asketen; er wird für größer
gehalten als die Erkennenden, größer als diejenigen, die rituelle
Handlungen vollziehen; werde darum ein Yogin, o Arjuna! (06.46)
Und von allen Yogins halte ich den,
der mich gläubig verehrt, mit seinem inneren Selbst in mir wohnt, für
den (mir im Yoga) am meisten verbundenen. (Siehe
12.02 und 18.66) (06.47)
Dies ist der
sechste Abschnitt, genannt: der wahre Yoga.
7. Gott und die
Welt
GOTT IST NATUR UND GEIST
Der Erhabene sagte: höre nun, o Pârtha (Arjuna), wie du
mich ganz und ohne Zweifel erkennen wirst, indem du Yoga übst, deinen
Geist an mich hängst, lich zur Zuflucht nimmst. (07.01)
Ich will dir diese Weisheit vollständig mitteilen
zusammen mit dem Wissen, nach dessen Erkenntnis hier nichts mehr zu
erkennen übrig bleibt. (07.02)
Unter tausend Menschen strebt kaum einer nach
Vollendung, und von denen, die darnach streben und Erfolg haben, kennt
mich kaum einer wirklich. (07.03)
DIE ZWEI NATUREN GOTTES
Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther, Geist, Verstand und
Selbst-Sinn: dies ist meine achtfach geteilte Natur.
(Siehe 13.05) (07.04)
Dies ist meine niedere Natur. Kenne,
o Starkarmiger (Arjuna), auch meine andere und höhere Natur, die Seele,
durch welche diese Welt getragen wird. (07.05)
Wisse, daß alle Wesen darin geboren
werden. Ich bin der Ursprung dieser ganzen Welt und bin ihre Auflösung.
(Siehe 13.26) (07.06)
Nichts gibt es jemals, o
Schätzegewinner (Arjuna), das höher wäre als ich. Wie Edelsteinreihen
auf einer Schnur ist alles hienieden auf mich aufgereiht. (07.07)
Ich bin der Geschmack in den Wassern, o Sohn der Kunti
(Arjuna), ich bin das Licht in Mond und Sonne. Ich bin die Silbe Om in
allen Veden; ich bin der Ton im Äther und bin das Mannestum im Manne.
(07.08)
Ich bin der reine Geruch der Erde und der Schein im
Feuer. Ich bin das Leben in allen Wesen und bin die Askese in den
Asketen. (07.09)
Wisse, o Pârtha (Arjuna), daß ich der ewige Same aller
Wesen bin. Ich bin der Verstand der Verständigen, ich bin der Glanz der
Glanzreichen. Siehe 9.18 und
10.39). (07.10)
Ich bin die Stärke der Starken, ohne Begierde und
Leidenschaft. Ich bin, o Herr der Bharatas (Arjuna), in den Wesen die
Begierde, welche mit dem Gesetze nicht im Widerspruch steht. (07.11)
Und was es auch immer für Zustände geben mag, seien sie
ausgeglichen (sâttvika),
leidenschaftlich (râjasa)
oder trâge (tâmasa), wisse,
daß sie alle nur von mir herrühen. Ich bin nicht in ihnen, sie sind in
mir. (Siehe 9.04 und 9.05)
(07.12)
DIE ERSCHEINUNGSFORMEN DER NATUR
VERWIRREN DIE MENSCHEN
Durch diese dreifachen Erscheinungsformen der Natur (gunas)
wird dieze ganze Welt getäuscht und erkennt mich nicht, der ich über
ihnen stehe und unvergänglich bin. (07.13)
Diese meine göttliche mâyâ, die aus
den Erscheinungsformen besteht, ist schwer zu überwinden. Diejenigen
aber, die zu mir ihre Zuflucht nehmen, schreiten über sie hinaus.
(Siehe 14.26, 15.19, und 18.66)
(07.14)
DER ZUSTAND DER ÜBELTÄTER
Die Übeltäter, die törichten, auf niedriger menschlicher
Stufe stehenden, deren Verstand von der Täuschung fortgerissen wird, und
die an der Natur der Dämonen teilhaben, suchen keine Zuflucht bei mir.
(07.15)
VERSCHIEDENE ARTEN DER VEREHRUNG
Die Tugendvollen, die mich verehren,
sind, o Herr der Bharatas (Arjuna), von vierfacher Art: der Bedrängte,
der Wahrheitssucher, der Güterbegehrende und der Weisheitssucher.
(07.16)
Von diesen ist der Weise, der sich in ständiger
Vereinigung mit dem Göttlichen befindet, dessen Hingabe nur auf eines
gerichtet ist, der vorzüglichste. Denn ich bin ihm außerordentlich
teuer, und er ist mir teuer. (07.17)
Fürwahr, edel sind sie alle, aber der Weise ist mein
Selbst, so meine ich. Er ist vollkommen ausgeglichen und nimmt zu mir
als dem höchsten Ziele seine Zuflucht.
(Siehe 9.29) (07.18)
Am Ende vieler Leben geht der
Weisheitsvolle zu mir ein, wissend, daß Vâsudeva (der höchste Gott)
alles ist. Solch eine große Seele ist schwer zu finden. (07.19)
GROSSMUT
Diejenigen aber, deren Geist von Begierden fortgerissen
wird, nehmen zu anderen Göttern ihre Zuflucht, indem sie, durch ihre
eigene Natur gezwungen, verschiedene Riten vollziehen. (07.20)
Welche Gestalt auch immer ein sich
fromm Hingebender gläubig zu verehren wünscht, ich befestige diesen
seinen Glauben. (07.21)
Mit diesem Glauben ausgestattet,
sucht er eine solche Gestalt sich geneigt zu machen, und von ihr erlangt
er seine Wünsche, die Wohltaten, die nur von mir allein verfügt werden.
(07.22)
Zeitgebunden aber ist die Frucht, die diese geistig
beschränkten Menschen gewinnen. Die die Götter verehren, gehen zu den
Göttern; wer sich mir hingibt, kommt jedoch zu mir. (07.23)
DIE MACHT DER UNWISSENHEIT
Menschen ohne Verstand stellen sich
mich, der unentfaltet ist, als entfaltet vor; sie kennen nicht meine
höhere Natur, die unveränderliche und erhabenste. (07.24)
Von meiner Schöpferkraft (yogamâyâ)
verhüllt, bin ich nicht allen sichtbar. Diese betörte Welt kennt mich
nicht, der ich ungeborenen und unveränderlich bin. (07.25)
Ich kenne die vergangenen Wesen, die gegenwärtigen, o
Arjuna, und die zukünftigen; mich aber kennt keiner. (07.26)
Alle Wesen, o Bhârata (Arjuna), sind zur Verblendung
geboren. Sie werden, o Feindbedränger (Arjuna), von den aus Begierde und
Haß entspringenden Gegensätzen überwältigt. (07.27)
DAS OBJEKT DER ERKENNTNIS
Aber jene Menschen, die tugendvolle Taten vollbringen,
in denen die Sünde zu Ende gekommen ist (die der Sünde abgestorben
sind), sie, die vom Trug der Gegensätze befreit sind, verehren mich
standhaft in ihren Gelübden. (07.28)
Die ihre Zuflucht bei mir nehmen und nach Befreiung von
Alter und Tod trachten, sie kennen das Brahman (oder das Absolute) ganz,
(sie kennen) das Selbst und alle Werke. (07.29)
Die mich als den einen kennen, der die materiellen und
göttlichen Aspekte lenkt und alle Opfer, sie, deren Sinn in Einklang
gebracht ist, erkennen mich auch in der Stunde ihres Abscheidens (von
hier). (07.30)
Dies ist das
siebente Kapitel, genannt: Der Yoga der Weisheit und der Erkenntnis.
8.
DER GANG DER KOSMISCHENENTWICKLUNG
ARJUNA FRAGT
Arjuna sagte: Was ist das Brahman (das Absolute)? Was
ist das Selbst, und was ist das Handeln, o bester aller Männer? Was
heißt Bereich der Elemente? Was heißt Bereich der Götter? (08.01)
Was ist der Bereich (Teil) des Opfers in diesem Körper,
und wie beschaffen, o Madhusûdana (Kŗşna)? Und wie kannst du von den
Selbstbezähmten in der Stunde ihres Hinscheidens erkannt werden? (08.02)
KRSNA ANTWORTET
Der Erhabene sagte: Das Brahman (oder
das Absolute) ist unzerstörbar, das Höchste (höher als alles andere).
Das Selbst wird Wesensnatur genannt, und
karman ist der Name, der der
schöpferischen Kraft gegeben wird, die alle Wesen ins Dasein führt.
(08.03)
Die Grundlage aller erschaffenen Dinge ist die
veränderliche Natur. Die Grundlage der göttlichen Elemente ist der
kosmische Geist. Und die Grundlage aller Opfer, o bester aller
Verköperten (Arjuna), bin ich selbst in diesem Körper hier. (08.04)
DIE SEELE WANDERT DORTHIN, WORAUF
SIE IM ZEITPUNKT
DER AUFLÖSUNG GERICHTET IST
Und wer auch immer, nur meiner gedenkend, in der Stunde
des Todes seinen Körper aufgibt und hinscheidet, der gelangt in meinen
Wesenszustand. Darüber gibt es keinen Zweifel. (08.05)
An welchen (Seins) zustand er auch
immer denken mag, wenn er am Ende seinen Körper aufgibt, dieses Sein
erlangt er, o Sohn der Kunti (Arjuna), wenn er ständig in Gedanken
darein versunken ist. (08.06)
Darum denke zu allen Zeiten an mich
und kämpfe. Wenn dein Denken und dein Verstand auf mich gerichtet sind,
wirst du ohne Zweifel zu mir gelangen. (08.07)
Wer mit einem Geiste, der durch andauerndes Üben
befähigt worden ist und nicht nach anderem ausschweift, über den
höchsten puruşa
nachdenkt, der, o Pârtha (Arjuna), gelangt zum höchsten,
göttlichen puruşa. (08.08)
Wer über den Seher nachdenkt, den alten, den Gebieter,
den Feineren als das Feinste, den Träger des Alls, dessen Gestalt
unausdenkbar ist, den Sonnenfarbenen, jenseits der Finsternis. (08.09)
Wer in der Stunde seines Hinscheidens so verfährt, mit
einem standhaften Geiste, in Hingabe und Yoga-Stärke, und seine
Lebenskraft richtig inmitten der beiden Augenbrauen festsetzt, der
gelangt zum höchsten göttmichen
puruşa. (Siehe 04.29,
05.27, 06.13) (08.10)
Ich werde dir kurz den Zustand beschreiben, den
dieVeda-Kenner den unvergänglichen nennen, in den die von Leidenschaft
befreiten Asketen eingehen, und nach welchem verlangend sie ein Leben
der Selbstzucht führen. (08.11)
Wer, indem er alle Tore des Körpers
geschlossen hält, den Geist im Herzen zurückhält, seine Lebenskraft im
Haupte festsetzt und Yoga-Betrachtung unternimmt, (08.12)
Wer die einzige Silbe OM, (die das)
Brahman (ist), ausspricht und meiner gedenkt, wenn er seinen Leib
verlassend hingeht, dieser gelangt zum höchsten Ziel. (08.13)
Wer beständig über mich nachdenkt und
nichts anderes im Sinne hat, von einem solchen immer bezähmten (oder:
mit dem Allerhöchsten vereinten) Yogin bin ich, o Pârtha (Arjuna),
leicht erreichbar. (08.14)
Nachdem sie zu mir gekommen sind, gehen diese großen
Seelen nicht zur Wiedergeburt, der vergänlichen Stätte der Sorge,
zurück. Denn sie haben die höchste Vollendung erlangt. (08.15)
Alle Welten, vom Bereich des Brahman angefangen, sind
der Wiedergeburt unterworfen. Erreicht man aber mich, o Sohn der Kunti
(Arjuna), so gibt es keine Rückkehr zu neuer Geburt.
(Siehe 09.25) (08.16)
Wer weiß, daß der Tag des Brahman die Dauer von tausend
Weltaltern hat und daß die Nacht (des Brahman) tausend Weltalter umfaßt,
ist ein Kenner des Tages und der Nacht. (08.17)
Bei Tagesanbruch kommen alle offenbaren Dinge aus dem
Unentfalteten hervor, und bei Hereinbruch der Nacht zergehen sie in
diesem selben, das das Unentfaltete heißt. (08.18)
Dieselbe Vielzahl von Lebewesen, o
Pârtha (Arjuna), die immer aufs neue entsteht, zergeht unabhelflich,
wenn die Nacht hereinbricht, und gelangt zu neuem Dasein, wenn der Tag
beginnt. (08.19)
Aber jenseits dieses Unentfalteten gibt es noch ein
anderes unentfaltetes ewiges Wesen, welches nicht zugrunde geht, wenn
alle Wesen zugrunde gehen. (08.20)
Dieses Unentfaltete wird das Unvergängliche genannt. Man
spricht von ihm als dem höchsten Zustand. Die es erreichen, kehren nicht
zurück. Es ist meine höchste Wohnstätte. (08.21)
Dies ist, o Pârtha (Arjuna), der höchste
puruşa, in welchem alle Wesen
wohnen, von dem all dies durchdrungen ist und (welcher) durch standhafte
Hingabe gewonnen werden kann. (08.22)
ZWEI WEGE
Nun will ich dir, o bester der Bharatas (Arjuna),
erklären, zu welcher Zeit die Yogins hinscheidend nimmer wiederkehren,
und auch jene Zeit, in welcher sie hinscheidend wiederkehren. (08.23)
Das Feuer, das Licht, der Tag, die helle (Monatshälfte),
die sechs Monate des nördlichen Weges (der Sonne): hier fortschreitend
gehen die Menschen, die das Absolute kennen, in das Absolute ein.
(08.24)
Der Rauch, die Nacht, und auch die dunkle
(Monatshälfte), die sechs Monate des südlichen Weges (der Sonne): hier
fortschreitend erlangt der Yogin das Mondlicht und kehrt zurück. (08.25)
Licht und Dunkelheit, diese Pfade
gelten als der Welt ewige (Pfade). Auf dem einen geht man zur
Nichtwiederkehr, auf dem anderen kehrt man zurück. (08.26)
Niemals, o Pârtha (Arjuna), gerät der Yogin, der diese
beiden Pfade kennt, in Verblendung. Ei darum zu allen Zeiten stark im
Yoga, o Arjuna. (08.27)
Da er dies alles erkannt hat, geht der Yogin über die
Früchte verdienstvoller Taten hinaus, die dem Veda-Studium, den Opfern,
Kasteiungen und Schenkungen zugeschrieben werden, und gelangt zur
höchsten, uranfänglichen Stätte. (08.28)
Dies ist das
achte Kapitel, genannt: Der Yoga des unvergänglichen Absoluten.
9.
DER HERR IST MEHR ALS SEINE SCHÖPFUNG
DAS OBERSTE GEHEIMNIS
Der Erhabene sagte: Dir, der du nicht unwillig murrst,
will ich dieses tiefe mit Wissen versehene Weisheitsgeheimnis erklären,
durch dessen Erkenntnis du vom Übel erlöst werden wirst. (09.01)
Dies ist das erhabenste Geheimnis, das erhabenste
Wissen, die höchste Heiligkeit, durch unmittelbare Erfahrung erkannt,
mit dem Gesetz überreinstimmend, leicht auszuführen und unvergänglich.
(09.02)
Die Menschen, die an diesen Pfad nicht glauben, gelangen
nicht zu mir und kehren, o Feindbedränger (Arjuna), auf den Pfad des
sterblichen Daseins (samsâra)
zurück. (09.03)
DER FLEISCHGEWORDENEN HERR ALS
HÖCHSTE WIRKLICHKEIT
Dieses ganze All ist von mir in
meiner unentfalteten Gestalt durchdrungen. Alle Wesen wohnen in mir,
aber ich wohne nicht in ihnen.
(Siehe 7.12) (09.04) Und (doch)
wohnen die Wesen nicht in mir; siehe mein göttliches Geheimnis. Mein
Geist, der der Ursprung aller Wesen ist, erhält die Wesen, wohnt aber
nicht in ihnen. (09.05)
Wisse, daß in derselben Weise wie die
überalhin sich bewegende, mächtige Luft beständig im Ätherraum (âkâśa)
wohnt, alle Wesen in mir wohnen. (09.06)
Alle Wesen, o Sohn der Kunti (Arjuna), gehen am Ende der
Weltperiode in meine Natur ein. Und am Beginn der (nächsten) Weltperiode
bringe ich sie wieder hervor.
(Siehe 8.17) (09.07)
Auf meine eigene Natur gestützt, bringe ich wieder und
wieder dieze ganze Vielheit von Wesen hervor, welche hilflos und der
Gewalt der Natur (prakrti)
ausgeliefert sind. (09.08)
Und doch binden mich diese Werke nicht, o
Schätzegewinner (Arjuna). Denn ich sitze gleichsam unbeteiligt da und
verhafte mich nicht an diese Handlungen. (09.09)
Unter meiner Leitung bringt die Natur (prakrti)
alle Dinge, bewegliche und unbewegliche, hervor, und hierdurch, o Sohn
der Kunti (Arjuna), bleicht die Welt in Umlauf.
(Siehe 14.03) (09.10)
HINGABE AN DEN ALLERHÖCHSTEN
BRINGT GROSSEN LOHN;
GERINGERE HINGABE BRINGT
GERINGEREN LOHN
Die Verblendeten verachten mich, der ich in einen
menschlichen Körper gekleidet bin, und kennen nicht meine höhere Natur
als Her aller Wesen (09.11)
Sie nehmen an der trügerischen Natur der Feinde und der
Dämonen teil, ihre Hoffnungen, ihre Handlungen und ihr Wissen sind
vergeblich, und sie haben keine Urteilskraft. (09.12)
Die Großherzigen, o Pârtha (Arjuna), die in der
göttlichen Natur verweilen und (mich als) den unvergänglichen Ursprung
aller Wesen kennen, verehren mich mit gesammeltem Geiste. (09.13)
Immerdar bezähmt, verehren sie mich, indem sie mich
verherrlichen, eifrig und standhaft in den Gelübden sind, sich
hingebungsvoll vor mir verneigen. (09.14)
Andere wieder opfern mit dem Opfer des Wissens und
verehren mich als den einen, als den Besonderen und als den
Vielfältigen, nach allen Seiten Blickenden. (09.15)
Ich bin die rituelle Handlung, ich bin das Opfer, ich
bin die Ahnenspende, ich bin das (Heil-) Kraut, ich bin die (heilige)
Hymne, ich bin auch die Schmelzbutter, ich bin das Feuer und ich bin der
Opferguß. (09.16)
Ich bin der Vater dieser Welt, die Mutter, der Erhalter
und der Großvater. Ich bin das Objekt des Wissens, der Läuterer. Ich bin
die Silbe Om, und ich bin die rk,
das sâman und ebenso das
yajus.
(Siehe 7.10 und 10.39)
(09.17)
Ich bin das Ziel, der Träger, der Herr, der Zuschauer,
die Wohnung, die Zuflucht und der Freund. (Ich bin) der Ursprung und die
Auflösung, der feste Grund, die Ruhestätte und der unvergängliche Samen.
(09.18)
Ich spende Hitze. Ich halte zurück und entsende den
Regen. Ich bin die Unsterblichkeit und bin der Tod. Ich bin, o Arjuna,
sowohl das Sein als auch das Nicht-Sein. (Siehe
13.12) (09.19)
Die Kenner der drei Veden, welche den Somasaft trinken,
von Sünde gereinigt sind und mich mit Opfern verehren, erflehen den Weg
zum Himmel. Sie erreichen die heilige Welt Indras (des Herrn des
Himmels) und genießen im Himmel göttliche Freuden. (09.20)
Nachdem sie die weite Himmelswelt genossen haben, gehen
sie (kehren sie), wenn ihre Verdienste erschöpft sind, in die Welt der
Sterblichen ein (zurück). So erlangen sie, nach Freuden begehrend, gemäß
der Lehre der drei Veden dasjenige, was veränderlich ist (der Geburt und
dem Tode unterworfen ist).
(Siehe 8.25) (09.21)
Denjenigen aber, die mich verehren,
indem sie allein über mich nachdenken, diesen immer Beharrlichen bringe
ich den Erwerb dessen, was sie nicht besitzen, und Sicherheit in dem,
was sie besitzen. (09.22)
Selbst jene, die anderen Göttern anhangen und sie
gläubig verehren, auch sie, o Sohn der Kunti (Arjuna), opfern keinem
anderen als mir allein, obgleich sie es nicht nach dem wahren Gesetze
tun. (09.23)
Denn ich bin der Genießer und der Herr aller Opfer. Aber
diese Menschen kennen mich nicht in meiner wahren Natur, und darum
fallen sie. (09.24)
Gottesverehrer gehen zu den Göttern; Ahnenverehrer gehen
zu den Ahnen, die den Geistern opfern, gehen zu den Geistern, und die
mir opfern, kommen zu mir.
(Siehe 8.16) (09.25)
Wer immer mir verehrungsvoll ein
Blatt, eine Blume, eine Frucht oder Wasser opfert, ich nehme dieses
liebevolle Opfer eines Menschen reinen Herzens an. (09.26)
Was du tust, was du ißt, was du
opferst, was du verschenkst, welche Askese du treibst, volbringe es, o
Sohn der Kunti (Arjuna), als ein Opfer an mich.
(Siehe 12.10, 18.46)
(09.27)
So wirst du von den guten und bösen Folgen, welche die
Fesseln der Werke sind, erlöst werden. Deinen Geist fest auf den Pfad
der Entsagung gerichtet, wirst du befreit werden und zu mir gelangen.
(09.28)
Ich bin derselbe in (ich gleiche)
allen Wesen. Keiner ist mir hassenswert, keiner lieb. Aber jene, die
mich in Hingabe verehren, sie sind in mir und ich bin in ihnen.
(Siehe 7.18) (09.29)
Wenn er mich in aufmerksamer Hingabe
verehrt, kann sogar ein Mensch von sehr üblem Wandel als rechtschaffen
gelten; denn er hat sich recht entschlossen. (09.30)
Rasch wird er seine Seele der Rechtschaffenheit und
erlangt immerwährenden Frieden. Wisse, o Sohn der Kunti (Arjuna), daß
nimmer zugrunde geht, wer mir anhangt. (09.31)
Denn alle, die ihre Zuflucht in mir suchen, o Pârtha
(Arjuna), auch wenn sie Niedriggeborene, Frauen, Vaiśyas und Sûdras
sind, auch sie gelangen an das höchste Ziel.
(Siehe 18.66) (09.32)
Wieviel mehr erst die heiligen Brahmanen und die frommen
königlichen Weisen. Verehre mich, nachdem du in diese vergängliche,
leidvolle Welt eingetreten bist. (09.33)
Richte deinen Geist auf mich; sei mir
ergeben; berehre mich; huldige mir; nachdem du dich so gezügelt hast,
wirst du, mich zum Ziele habend, zu mir kommen. (09.34)
Dies ist das
neunte Kapitel, genannt: Der Yoga des Erhabensten Wissens und des
erhabensten Geheimnisses.
10. Gott ist die
Quelle von Allem: Ihn kennen heißt Alles kennen
IMMANENZ UND TRANSZENDENZ GOTTES
Der Erhabene sagte: Höre noch weiter, o Starkarmiger
(Arjuna), auf mein allerhöchstes Wort; Weil ich dir Gutes tun möchte,
will ich es dir nun, da du Gefallen (an meinen Worten) findest,
erklären. (10.01)
Weder die Götterscharen noch die großen Seher kennen
meinen Ursprung, denn ich bin der Beginn der Götter und der großen Seher
in jeder Weise. (10.02)
Wer mich, den Ungeborenen, Anfanglosen, den mächtigen
Herrn der Welten, kennt, der ist unverblendet unter den Sterblichen und
von allen Sünden befreit. (10.03)
Verstand, Wissen, Nicht-Verblendung, Geduld, Wahrheit
Selbstbezähmung und Stille; Freude und Leid, Sein und Nicht-Sein, Furcht
und Furchtlosigkeit, (10.04)
Gewaltlosigkeit, Gleichmütigkeit, Zufriedenheit, Askese,
Mildtätigkeit, Ruhm und Schmach (sind) die verschiedenen Zustände der
Wesen, entspringen aus mir allein. (10.05)
Die sieben großen Weisen der Vorzeit und auch die vier
Manus haben meine Natur und sind meinem Geiste geboren; und von ihnen
stammen alle diese Geschöpfe der Welt. (10.06)
Wer diese meine Herrlichkeit (Offenbarung) und Kraft
(ständige Tätigkeit) wahrheitsgemäß erkennt, der wird durch
unerschütterlichen Yoga (mit mir) vereint. Darüber besteht kein Zweifel.
(10.07)
ERKENNTNIS UND HINGABE
Ich bin der Ursprung von allem; aus
mir geht alles (die ganze Schöfung) hervor. Dies wissend verehren mich
die Weisen, die im Besitze
der Überzeugung sind. (10.08)
Ihre Gedanken (sind) auf mich gerichtet, ihr Leben (ist)
mir hingegeben, einander erleuchtend und ständig von mir sprechend, sind
sie zufrieden und erfreuen sich (an mir). (10.09)
Diesen, die immerdar hingegeben sind und mich in Liebe
verehren, gewähre ich die Versenkung des Verstandes, durch welche sie zu
mir gelangen. (10.10)
Aus Mitleid mit diesen zerstöre ich, in meinem wahren
Zustand verweilend, mit der leuchtenden Lampe der Weisheit die aus der
Unwissenheit geborene Finsternis. (10.11)
DER HERR IST DER SAME UND DIE
VOLLKOMMENHEIT
ALLES SEIENDEN
Arjuna sagte: Du bist das höchste Brahman, die höchste
Wohnstätte und der höchste Läuterer, der ewige, göttliche
puruşa, der erste derGötter,
der Ungeborene, Allesdurchdringer. (10.12)
Dies sagen alle Weisen von dir, ebenso der göttliche
Seher Nârada, und auch Asita, Devala, Vyâsa; und du selbst erklärst es
mir. (10.13)
Alles was du mir sagst, o Kesava (Krsna), halte ich für
wahr; weder die Götter noch die Dämonen kennen deine Offenbarung, o
Herr. (10.14)
Wahrlich, du selbst kennst dich
selbst durch dich selbst, o höchster
puruşa: der Ursprung aller
Wesen, der Herr der Geschöpfe; der Gott der Götter; der Herr der Welt.
(10.15)
Du sollst mir ohne Auslassung von deinen göttlichen
Offenbarungen erzählen, durch welche du, diese Welten durchdringend, (in
ihnen und jenseits) wohnst. (10.16)
Wie kann ich dich, o Yogin, durch beständige Versenkung
erkennen? In welchen mannigfaltigen Aspekten soll ich dich, o Erhabener,
denken? (10.17)
Berichte mir noch weiter im einzelnen von deiner Macht
und Offenbarung, o Janârdana (Krsna); denn ich bin vom Hören deiner
nektargleichen Rede nicht gesättigt. (10.18)
Der Erhabene sagte: Ja, ich will dir meine göttlichen
Gestalten erklären, aber nur jene, die am meisten hervorragen, o bester
der Kurus (Arjuna); denn meiner Ausbreitung (meinen Einzelheiten) ist
kein Ende gesetzt. (10.19)
Ich bin, o Gudakesa (Arjuna), das Selbst, das im Herzen
aller Geschöpfe wohnt. Ich bin der Beginn, die Mitte und das Ende der
Wesen. (10.20)
Von den Âdityas bin ich Visnu; von den Lichtern (bin
ich) die strahlende Sonne; ich bin Marîci von den Maruts, von den
Sternen bin ich der Mond. (10.21)
Von den Veden bin ich der Sâmaveda; von den Göttern bin
ich Indra; von den Sinnen bin ich der Geist und in den Lebewesen bin ich
das Bewußtsein. (10.22)
Von den Rudras bin ich Samkara (Siva); von den Yakşas
und Râkşassas (bin ich) Kubera; von den Vasus bin ich Agni (Feuer) und
von den Berggipfeln bin ich der Meru. (10.23)
Erkenne mich als den obersten der Hauspriester,
Brhaspati; von den Heerführern bin ich Skanda, von den Seen bin ich der
Ozean. (10.24)
Von den großen Weisen bin ich Bhrgu; von den Worten bin
ich die eine Silbe Om; von den Opfern bin ich des Opfer der stillen
Versenkung; un von den unbeweglichen Dingen (bin ich) der Himâlaya.
(10.25)
Von allen Bäumen (bin ich) der Asvattha, und von den
göttlichen Sehern (bin ich) Nârada; unter den Gandharvas (bin ich)
Citraratha, und von den Vollkommenen (bin ich) Kapila, der Weise.
(10.26)
Von den Pferden erkenne mich als den nektargeborenen
Uccaihsravas; von den Elephanten-Fürsten (bin ich) Airâvata, und von den
Menschen (bin ich) der König. (10.27)
Von den Waffen bin ich der Donnerkeil; von den Kühen bin
ich die Wunschkuh; von den Zeugenden bin ich der Liebesgott, von den
Schlangen bin ich Vâsuki. (10.28)
Von den Nâgas bin ich Ananta; von den Wasserbewohnern
bin ich Varuna; von den (abgeschiedenen) Vorfahren bin ich Aryaman; von
den das Gesetz und die Ordnung aufrecht Erhaltenden bin ich Yama.
(10.29)
Von den Titanen bin ich Prahlâda; von den Berechnenden
bin ich die Zeit; von den Tieren bin ich der König der Tiere (Löwe), und
von den Vögeln (bin ich) der Sohn der Vinantâ (Garuda). (10.30)
Von der Läuterern bin ich der Wind; von den Kriegern bin
ich Râma; von des Fischen bin ich der Alligator, und von den Strömen bin
ich der Ganges. (10.31)
Von den Schöpfungen bin ich der Anfang, das Ende und
auch die Mitte, o Arjuna; von den Wissenschaften (bin ich) die
Wissenschaft vom Selbst; ich bin Sprache jener, die disputieren. (10.32)
Von den Buchstaben bin ich (der Buchstabe) A und von den
Komposita (bin ich) das kopulative Kompositum;
ich bin auch die unvergängliche Zeit, und ich bin der Schöpfer,
dessen Antlitz nach allen Seiten gerichtet ist. (10.33)
Ich bin der allesverschlingende Tod und (bin) der
Ursprung der Dinge, die sein werden; und von den weiblichen Wesen (bin
ich) die Berühmtheit, die Wohlfahrt, die Rede, die Erinnerung, die
Intelligenz, die Stärke und die Langmut. (10.34)
Ebenso bin ich von den Hymnen das
brhatsâman, von den Metren die
gâyatri; von den Monaten (bin
ich) mârgasişa, und von den
Jahreszeiten bin ich der Blumenträger (Frühling). (10.35)
Von dem Betrügerischen bin ich das
Spiel; von dem Glänzenden der Glanz; ich bin der Sieg; ich bin die
Anstrengung und ich bin die Güte der Guten. (10.36)
Von den Vrsnis bin ich Vâsudeva; von den Pândavas (bin
ich) der Schätzegewinner (Arjuna); von den Sehern bin ich auch Vyâsa,
und von den Dichtern (bin ich) der Dichter Usanas. (10.37)
Von den Züchtigenden bin ich die Rute (der Züchtigung);
von den nach Sieg Strebenden bin ich die kluge Politik; von den
Geheimnissen bin ich das Schweigen und von den Weisheitskennern die
Weisheit. (10.38)
Und was ferner der Same aller Lebewesen ist, das bin
ich, o Arjuna; auch gibt es nichts Bewegliches und Unbewegliches, das
ohne mich existieren kann. (10.39)
Meinen göttlichen Offenbarungen ist kein Ende gesetzt, o
Feinbedränger (Arjuna). Was ich (hier) erklärt habe, soll nur ein
veranschaulichendes Beispiel meiner unendlichen Herrlichkeit sein.
(10.40)
Welches mit Herrlichkeit, Schönheit und Kraft
ausgestattete Wesen es auch immer geben mag, wisse daß es aus einem
Teile meines Glanzes entsprungen ist. (10.41)
Aber was brauchst du, o Arjuna, ein so ausführliches
Wissen? Ich trage dieses ganze All, indem ich es mit einem
einzigen Teil meines Selbst durchdringe. (10.42)
Dies ist das
zehnte Kapitel, genannt: Der Yoga der Offenbarung.
11.
DIE VERKLÄRUNG DES HERRN
ARJUNA BEGEHRT, GOTT IN SEINER
ALLUMFASSENDEN GESTALT ZU SEHEN
Arjuna sagte: Das höchste Geheimnis, die Rede über
höchste Selbst, die du mir gnädigerweise mitgeteilt hast: durch sie its
meine Verwirrung von mir gewichen. (11.01)
Ich habe von dir ausführlich über die Beburt und das
Hinschwinden der Dinge gehört, ebenso auch über deine unvergängliche
Herrlichkeit, o Lotusäugiger (Kŗşna). (11.02)
Was du von deinem Sein ausgesagt
hast, o höchster Herr, ist wirklich so. (Doch) begehre ich dernach,
deine göttliche Gestalt zu sehen, o höchster
puruşa. (11.03)
Wenn du glaubst, o Herr, daß es von mir gesehen werden
kann, dann enthülle mir dein unvergängliches Selbst, o Herr des Yoga
(Kŗşna). (11.04)
DIE OFFENBARUNG DES HERRN
Der Erhabene sagte: Erblicke, o Pârtha (Arjuna), meine
Gestalten, hundertfältig, tausendfältig, verschiedenartig, göttlich, von
verschiedenen Farben und Formen. (11.05)
Erblicke die Âdityas, die Vasus, die Rudras, die zwei
Aśvins und auch die Maruts. Erblicke, o Bhârata (Arjuna), viele vorher
nie gesehene Wunder.
(11.06)
Erblicke heute das ganze Universum, das bewegliche und
das unbewegliche und was du sonst noch zu schauen begehst, o Gudâkeśa
(Arjuna), hier in meinen Körper vereinigt. (11.07)
Doch kannst du mich nicht mit diesem
deinem (menschlichen) Auge erblicken. Ich will dir das übernatürliche
Auge verleihen. Schaue meine göttliche Macht. (11.08)
SAMJAYA BESCHREIBT DIE GESTALT
Samjaya sagte: Nachdem er so gesprochen hatte, o König,
enthüllte Hari, der große Herr des Yoga, dem Pârtha (Arjuna) seine
höchste und göttliche Gestalt: mit vielen Mündern und Augen, mit vielen
wunderbaren Gesichten, mit vielem himmlischen Schmuck, mit vielen
emporgestreckten göttlichen Waffen, himmlische Kränze und Gewänder
tragend, mit himmlischen Düften und Salben, aus allen Wundern bestehend,
strahlend, grenzenlos, das Antlitz nach allen Seiten gerichtet.
(11.09-11)
Würde am Himmel plötzlich das Licht von tausend Sonnen
aufflammen, so würde vielleicht dies dem Glanze jenes erhabenen Wesens
gleichkommen. (11.12)
Da schaute der Pândava (Arjuna)das ganze Universum mit
seinen mannigfachen Teilen in einem einzigen vereinigt, in dem Körper
des Gottes der Götter. (Siehe
13.16, und 18.20) (11.13)
ARJUNA SPRICHT ZU GOTT
Dann sagte der Schätzegewinner (Arjuna), von Staunen
ergriffen, mit sich sträubenden Haaren, sein Haupt vor dem Herrn
verneigend, mit (zum Gruß) gefalteten Händen: (11.14)
Arjuna sagte: In deinem Körper, o Gott, sehe ich alle
Götter und ebenso die verschiedenen Scharen von Wesen, Brahman, den
Herrn, der auf dem Lotusthron sitzt, und alle die Weisen und die
himmlischen Nâgas. (11.15)
Ich sehe dich mit nach allen Seiten
unendlicher Gestalt, mit zahllosen Armen, Bäuchen, Gesichtern und Augen;
aber dein Ende oder deine Mitte oder deinen Beginn sehe ich nicht, o
Herr des Alls, o allumfassende Gestalt. (11.16)
Ich sehe dich mit deiner Krone, deiner Keule und deinem
Diskus, wie eine Lichtflut überallhin leuchtend, schwer zu erkennen,
nach allen Seiten hin (blendend) mit den Lichtstrahlen des flammenden
Feuers und der Sonne, unvergleichlich. (11.17)
Du bist der Unvergängliche, das zu erfassende Höchste,
du bist die letzte Ruhestätte des Alls; du bist der unsterbliche Hüter
des ewigen Gesetzes, du bist, so meine ich, der immerwährende
puruşa.(11.18)
Ich sehe dich als einen ohne Anfang, Mitte oder Ende,
von unendlicher Macht, mit zahllosen Armen, mit Sonne und Mond als
deinen Augen, mit einem Antlitz wie flammendes Feuer, dessen Schein
dieses ganze All versengt. (11.19)
Von dir allein wird dieser Zwischenraum zwischen Himmel
und Erde durchdrungen, ebenso alle Gegenden (Himmelsrichunggen). O
Erhabener, die drei Welten erzittern, wenn diese deine wunderbare,
schreckliche Gestalt erblicken. (11.20)
Jene Götterscharen treten in dich ein, und einige
preisen dich furchtvoll mit gefalteten Händen, und die Scharen der
göttmichen Seher und Vollkommenen rufen dir „Heil“ und beten dich an mit
Hymnen überquellenden Lobes. (11.21)
Die Rudras, die Âdityas, die Vasus, die Sâdhyas, die
Viśvas, die beiden Aśvins, die Maruts und die Manen, und die Scharen der
Gandharvas, der Yakşas, Asuras und Siddhas, sie alle schauen dich an und
staunen. (11.22)
Sehen sie deine große Gestalt, mit vielen Mündern und
Augen, o Starkarmiger, mit vielen Armen, Schenkeln und Füßen, mit vielen
Bäuchen, durch viele Fangzähne schreckerregend, so erzittern die Welten,
und ich ebenso. (11.23)
Wenn ich dich ansehe, der du den Himmel berührst, in
vielen Farber: erstrahlst, mit weit geöffneten Mündern und großen
glühenden Augen, so erzittert meine innerste Seele, und ich finde keinen
Halt und keine Ruhe, o Visnu! (11.24)
Wenn ich deine wegen der Fangzähne schreklichen Münder,
wie die verzehrenden Flammen der Zeit, betrachte, verliere ich mein
Ortsgefühl und finde keinen Frieden. Sei gnädig, o Herr der Götter,
Zuflucht der Welten! (11.25)
Alle jene Söhne des Dhrtarâstra, zusammen mit den
Scharen der Könige, und auch Bhîsma, Drona und Karna, gemeinsam mit den
besten Kriegern auf unserer Seite – (11.26)
Stürzen in deine furchtbaren Münder mit den
schrecklichen Fangzähnen. Man sieht einige, die sich zwischen den Zähnen
verfangen haben, ihre Köpfe zu Staub zermalmt. (11.27)
Wie die vielen reißenden Wasserfluten der Flüsse dem
Meere entgegeneilen, so stürzen diese Helden der Welt in deine
flammenden Münder. (11.28)
Wie Motten eilig in ein flammendes Feuer stürzen, um
dort vernichtet zu werden, so stürzen zu ihrer eigenen Zerstörung diese
Männer mit großer Hast in deine Münder. (11.29)
Mit deinen flammenden Mündern verschlingst du allerorts
die Welten und leckst sie auf. Deine glühenden Strahlen erfüllen dieses
ganze All und versengen es mit ihrem glutvollen Schein, o Visnu! (11.30)
Sage mir an, wer du in dieser schrecklichen Gestalt
bist. Heil sei dir, o du große Gottheit; sei gnädig! Ich begehre
darnach, dich zu kennen, (der du) der Uranfängliche (bist), den ich
kenne dein Wirken nicht. (11.31)
GOTT ALS RICHTER
Der Erhabene sagte: Ich bin die Zeit, die
weltzerstörende, reifgewordene, damit beschäftigt, die Welt zu
unterwerfen. Auch ohne dich (dein Handeln) werden alle in den
gegnerischen Heeren aufgestellten Krieger zu sein aufhören. (11.32)
Darum erhebe dich und erringe Ruhm. Besiege deine Feinde
und genieße ein blühendes Königtum. Sie sind bereits von mir geschlagen.
Sei du nur mehr der Anlaß, o Savyasâcin (Arjuna) (11.33)
Erschlage den Drona, Bhîsma, Jayadratha, Karna und auch
die anderen großen Krieger, die bereits von mir gerichtet sind. Habe
keine Furcht! Kämpfe! Du wirst die Feinde in der Schlacht besiegen.
(11.34)
Samjaya sagte: Nachdem Kiritin (Arjuna) die Rede Keśavas
(Kŗşna) vernommen hatte, grüßte er ihn zitternd und mit gefalteten
Händen wieder und sprach, sich furchtvoll niederwerfend, mit stockender
Stimme zu Kŗşna. (11.35)
ARJUNAS PREISLIED
Arjuna sagte: O Hrsikeśa (Kŗşna), mit Recht erfreut und
entzückt sich die Welt daran, dich zu verherrlichen. Die Râksasas
(Dämonen) fliehen erschreckt nach allen Richtungen, und alle die Scharen
der Vollkomenen verneigen sich vor dir (verehrungsvoll). (11.36)
Und wie sollten sie dir nicht huldigen, o Erhabener, der
du größer bist als Brahman, der erste Schöpfer? O unendliches Wesen,
Herr der Götter, Zuflucht des Alls, du bist das Unvergänliche, das Sein
und das Nicht-Sein und was jenseits desselben liegt.
(Siehe 9.19) (11.37)
Du bist der erste der Götter, der Ur-puruşa,
die höchste Ruhestätte der Welt. Du bist der Kenner und das zu
Erkennende und das höchste Ziel. Und von dir ist dieses All
durchdrungen, o du von unendlicher Gestalt. (11.38)
Du bist Vâya (der Wind), Yama (der Zerstörer), Agni (das
Feuer), Varuna (der Gott des Meeres) und Saśanka (der Mond) und
Prajâpati, der Urwater (von allem). Heil dir, tausenmal Heil! Immer und
immer wieder Heil, Heil dir! (11.39)
Heil dir vorne, (Heil) dir hinten und Heil dir auf allen
Seiten, o All! Du, von grenzenloser Kraft und unermeßlicher Macht,
durchdringst alles und bist darum das All. (11.40)
Was ich auch immer in Übereilung zu dir gesagt habe,
denkend, du seist mein Gefährte, und uneingedenk dieser (Tatsache)
deiner Größe, „o Kŗşna, o Yâdava, o Freund „sei es aus meiner
Nachlässigkeit oder auch aus Zuneigung heraus,
(11.41)
Und was ich dir auch immer scherzhafterweise an
Mißachtung zuteil werden ließ, beim Spiel oder auf den Bette oder
lagernd oder beim Essen, entweder allein oder in Gegenwart anderer, o
Unerschütterlicher, ich bitte dich, den Unermeßlichen, um Vergebung all
dessen. (11.42)
Du bist der Vater der beweglichen und der unbeweglichen
Welt. Du bist der Gegenstand ihrer Verehrung und deren würdevoller
Lehrer. Keiner ist dir gleich. Wie könnte je einer größer sein als du in
den drei Welten, o du unvergleichlich Großer! (11.43)
Darum verbeuge ich mich und werfe meinen Körper vor dir
nieder, o anbetungswürdiger Herr. Ich suche deine Gnade. Wie ein Vater
mit seinen Sohne, wie ein Freund mit seinem Freunde, wie ein Liebender
mit seiner Geliebten sollst du, o Gott, Nachsicht mit mir haben. (11.44)
Ich habe nie zuvor Gesehenes gesehen und freue mich,
aber mein Herz ist von Angst aufgewüchlt. Zeige mir deine andere
(frühere) Gestalt, o Gott, und sei gnädig, o Herr der Götter und
Zuflucht des Alls! (11.45)
Ich möchte dich wie vorhin erblicken, mit deiner Krone,
mit der Keule und mit dem Diskus in der Hand. Nimm deine vierarmige
Gestalt an, o du Tausendarmiger und Allgestaltiger! (11.46)
GOTTES GNADE UND TRÖSTUNG
Durch meine Gnade, durch meine götliche Kraft habe ich
dir, o Arjuna, die höchste, lichtvolle, allumfassende, unendliche und
uranfängliche Gestalt gezeigt, die noch keiner außer dir gesehen hat.
(11.47)
Weder durch die Veden, (noch durch) Opfer, noch durch
Studium, noch durch Gaben, noch durch Riten, noch durch strenge Askese
vermag ich in dieser Gestalt von irgendeinem anderen als dir in der
Menschenwelt gesehen zu werden, o Held der Kurus (Arjuna). (11.48)
Habe keine Angst, sei nicht verwirrt, wenn du diese
meine schreckliche Gestalt erblickst. Betrachte frei von Furcht und
frohen Herzens diese meine andere (frühere) Gestalt. (11.49)
Samjaya sagte: Nachdem er so zu Arjuna gesprochen hatte,
enthüllte Vâsudeva (Kŗşna) ihm wiederum seine eigene Gestalt. Indem er
wieder seine Gnadengestalt angenomen hatte, tröstete der Erhabene den
erschrockenen Arjuna. (11.50)
Arjuna sagte: Indem ich, o Janârdana (Kŗşna), wieder
diese deine menschliche, freundliche Gestalt erblicke, sammle ich mich
und gelange in meinen natürlichen Zustand zurück. (11.51)
Der Erhabene sagte: Du hast diese meine Gestalt
geschaut, die in Wahrheit schwer zu schauen ist. Selbst die Götter
begehren darnach, diese Gestalt zu sehen. (11.52)
In dieser Gestalt, in der du mich nun
geschaut hast, kann ich weder durch die Veden, noch durch Askese, noch
durch Gaben, noch durch Opfer erblickt werden. (11.53)
Man kann mich aber, o Arjuna, durch
wankellose Hingabe an mich in dieser Weise erkennen, mich in Wahrheit
schauen und in mich eingehen, o Feindbedränger (Arjuna). (11.54)
Wer für mich wirkt, wer mich als sein
Ziel betrachtet, wer mich verehrt, frei von Anhänglichkeit und ohne
Feindschaft gegen alle Geschöpfe ist, dieser gelangt zu mir, o Pândava
(Arjuna). (Siehe 8.22)
(11.55)
Dies ist das
elfte Kapitel, genannt: Die Anschauung der kosmischen Gestalt.
12.
VEREHRUNG DES PERSÖNLICHEN GOTTES IST BESSER
ALS MEDITATION
ÜBER DAS ABSOLUTE
HINGABE UND BETRACHTUNG
Jene
Hingebungsvollen, die dich in anhaltenden Ernste verehren, und jene
auch, (die) das Unvergängliche und Unoffenbare (verehren), welche von
diesen (beiden) haben das größere Wissen vom Yoga? (12.01)
Der
Erhabene sagte: Jene, die mich mit auf mich gerichtetem Geiste, in
anhaltendem Ernste und im Besitze des höchsten Glaubens verehren, diese
betrachte ich als am meisten im Yoga vollkommen.
(Siehe
6.47)
(12.02)
Aber jene, die das
Unvergängliche, das Undefinierbare, das Unoffenbare, das
Allgegenwärtige, das Undenkbare, das Unveränderliche und das
Unbewegliche, das Beständige verehren, indem sie alle Sinne bezähmen, in
allen Lagen gleichmütig sind, sich an der Wohlfahrt aller Geschöpfe
erfreuen, diese gelangen (genau so wie die anderen) gewißlich zu mir.
(12.03-04)
Die
Beschwerden jener, deren Gedanken sich auf das Nicht-Offenbare richten,
sind größer; denn schwer erreichbar ist das Ziel des Nicht-Offenbaren
für verkörperte (Wesen). (12.05)
VERSCHIEDENE ARTEN DES NAHEKOMMENS
Jene aber, die alle
ihre Handlungen auf mich laden, die, auf mich bedacht, über mich
nachsinnend, mit unerschütterlicher Hingabe Verehrung üben, diese, o
Pârtha (Arjuna), deren Gedanken auf mich gerichtet sind, erlöse ich
geradewegs aus dem Meere des todgeweihten Daseins. (12.6-7)
Richte deinen Geist
allein auf mich, lasse deine Vernunft in mir Wohnung nehmen. Du sollst
nachher in mir leben. Darüber gibt es keinen Zweifel. (12.08)
Wenn du aber nicht in
der Lage bist, dein Denken beständig auf mich zu richten, dann suche
mich, o Schätzegewinner (Arjuna), durch Versenkungsübung zu erlangen.
(12.09)
Wenn du auch unfähig
bist, mich durch Übung zu suchen, dann sei einer, der im Dienste an mir
sein höchstes Ziel hat. Auch indem du um meinetwillen Handlungen
vollbringst, wirst du die Vollendung erreichen. (12.10)
Wenn du auch dieses
zu tun unfähig bist, dan entsage mit bezähmenten Selbst der Frucht alles
Handelns, indem du Zuflucht zu meinen gebändigten Tätigsein nimmst.
(12.11)
Besser,
fürwahr, als die Übung (der Versenkung) ist Wissen; besser als Wissen
ist Betrachtung; besser als Betrachtung ist Entsagung in bezug auf die
Frucht des Handelns; der Entsagung (folgt) sogleich der Friede.
(Siehe
18.02, 18.09)
(12.12)
DER
WAHRE FROMME
Wer keinem Wesen
gegenüber böse gesinnt ist, wer freundlich und mitleidsvoll ist, frei
von Egoismus und Selbstsucht, gleichmütig in Leid und Freude und
geduldig ist, diesen Yogin, der stets zufrieden ist, selbstbezähmt und
unerschütterlichen Entschlusses, der Sinn und Vernunft an mich
hingegeben hat, ihn, meinen Verehrer, liebe ich. (12.13-14)
Er, vor dem die Welt
nicht zurückweicht, und der vor der Welt nich zurückweicht, und der frei
von Freude und Zorn, Furcht und Aufregung ist, ihn liebe ich. (12.15)
Er, der nichts
erwartet, der rein, geschickt im Handeln, unbekümmert und sorglos ist,
der allen Unternehmungsgeist (zu handeln) aufgegeben hat, ihn, meinen
Verehrer, liebe ich. (12.16)
Er, der weder Freude
hat, noch Haß empfindet, der weder trauert, noch begehrt, der dem Guten
und dem Bösen abgeschworen hat, ihn liebe ich, der mir so ergeben ist.
(12.17)
Er, der gegenüber
Feind und Freund (sich) gleich (verhält), auch gegenüber guter und
schlechter Nachrede, und der in Kälte und Hitze, Freude und Schmerz
derselbe bleibt, under der frei von Anhänglichkeit ist, er, der Tadel
und Lob für gleich hält, der schweigsam (zurückheltend im Reden) ist,
der sich mit allem begnügt (was ihm begegnet), der keine feste Heimstatt
hat, jedoch festen Verstandes ist, ihn, den Hingegebenen, liebe ich.
(12.18-19)
Diejenigen aber,
welche gläubig, mich als ihr höchstes Ziel betrachtend, dieser
unsterblichen Weisheit folgen, diese Hingegebenen liebe ich
außerordentlich. (12.20)
Dies ist das zwölfte
Kapitel, genannt: Der Yoga der Hingabe.
13. DIE
UNTERSCHEIDUNG ZWISCHEN
DEM KÖRPER ALS
DEM
FELDE UND DER
SEELE ALS DEM KENNER DES FELDES
DAS FELD UND DER KENNER DES
FELDES
Arjuna sagte:
prakrti und puruşa, das
Feld und den Kenner des Feldes, das Wissen und den Gegenstand des
Wissens, diese möchte ich gerne kennenlernen, o Keśava (Kŗşna).
In einigen Ausgaben fehlt diese
Strophe. Ś. Kommentiert sie nicht. Wird sie miteingerechnet, so beläuft
sich die Gesamtzahl der Bhagavadgîtâ-Strophen auf 701 und nicht auf 700,
welches die durch die Überlieferung angenommene Zahl darstellt. Wir
rechnen sie daher bei der Strophenzählung nicht mit.
Der Erhabene sagte: Dieser Körper, o Sohn der Kunti
(Arjuna), wird das Feld genannt, und ihn, der dieses kennt, nennen die
Wissenden den Kenner des Feldes. (13.01)
Erkenne mich, o Bhârata (Arjuna), als
den Kenner des Feldes in allen Feldern. Das Wissen vom Felde und seinem
Kenner erachte ich als wahres Wissen. (13.02)
Höre nun in Kürze von mir, was das Feld ist, von welcher
Art es ist, welches seine Umwandlungen sind, woher es stammt, was er
(der Kenner des Feldes) ist, und welche Kräfte er besitzt. (13.03)
DIE BESTANDTEILE DES FELDES
Dies ist von den Weisen auf vielfache Art und einzeln in
verschiedenen Hymnen besungen worden und ebenso in den wohlbegründeten
und überzeugenden Formulierungen der Lehrsprüche über das Absolute (brahmasûtra).
(13.04)
Die großen (fünf groben) Elemente, der Selbst-Sinn, die
Vernunft und ebenso das Nicht-Offenbare, die zehn Sinne und das
Denkorgan und die fünf Sinnesobjekte; Begierde und Haß, Freude und Leid,
das Aggregat (der Organismus), die Intelligenz und die Standhaftigkeit:
damit ist in Kürze das Feld mit seinen Umwandlungen beschrieben.
(Siehe 7.04) (13.05-06)
WISSEN
Demut (Nicht-Stolz), Unbescholtenheit (Nicht-Täuschung),
Gewaltlosigkeit, Geduld, Aufrichtigkeit, dienende Verehrung des Lehrers,
Reinheit (von Körper und Geist), Beständigkeit und Selbstbeherrschung,
Gleichgültigkeit gegenüber allen Sinnesobjekten, Selbstaufgabe und
Einsicht in das Übel von Geburt, Tod, Alter, Krankheit und Leiden,
(13.07-08)
Nicht-Anhänglichkeit, Nichthaften an Sohn, Weib und Heim
und dergleichen, un andauernder Gleichmut gegenüber allen erwünschten
und unerwünschten Vorfällen, unerschütterliche Hingabe an mich in
vollkommener Selbstzucht, Aufsuchen einsamer Orte, Abneigung gegen
Ansammlungen von Menschen. Beharrlichkeit in der Erkenntnis des Geistes,
Einsicht in das Endziel des Wissens von der Wahrheit: dies wird als
(wahres) Wissen bezeichnet, und alles, was davon verschieden ist, gilt
als Nicht-Wissen. (13.09-11)
Ich will dir beschreiben, was das zu Wissende ist,
welches wissend man das ewige Leben erwirbt. Es ist das höchste Brahman,
welches anfanglos ist und weder als seiend noch als nichtseiend
bezeighnet wird. (Siehe 9.19,
11.37, und 15.18) (13.12)
DER KENNER DES FELDES
Alles umhüllend wohnt es in der Welt, mit Händen un
Füßen überall, mit Augen, Köpfen und Gesichtern allerorts, mit Ohren
allerorts. (10.13)
Es scheint die Eigenschaften aller Sinne zu haben und
ist doch ohne (irgendeinen) Sinn; es hängt an nichts und trâgt doch
alles, ist frei von den gunas
(Erscheinungsformen der prakrti),
und genießt sie dennoch. (13.14)
Es ist außerhalb und innerhalb aller Wesen. Es ist
unbeweglich und doch beweglich. Es ist zu fein, um erkannt zu werden. Es
ist ferne und dennoch nahe. (13.15)
Es ist ungeteilt (unteilbar) und scheint doch unter die
Wesen aufgeteilt zu sein. Man erkenne es als das, was die Geschöpfe
erhält, vernichtet und neu erschafft.
(Siehe 11.13, und 18.20)
(13.16)
Es ist das Licht der Lichter. Es wird jenseits der
Finsternis weilend genannt. Das Wissen, das Objekt des Wissens und das
Ziel des Wissens: Es ruht in den Herzen aller.
(Siehe 18.61) (13.17)
DIE FRUCHT DER ERKENNTNIS
So ist nun das Feld, das Wissen und das Objekt des
Wissens in Kürze beschrieben worden. Wer mir hingegeben ist und dies
versteht, wird meines Zustandes würdig werden. (13.18)
NATUR UND GEIST
Wisse, daß
prakrti (Natur) und puruşa
(Seele) beide anfanglos sind; und wisse auch, daß die Gestaltungen und
die Erscheinungsweisen aus der
prakrti (Natur) geboren werden. Die Natur gilt als Ursache von
Wirkung, Werkzeug und Täter (sein); die Seele gilt als Ursache
hinsichtlich des Erlebens von Freude und Scherz. (13.19-20)
Die Seele genießt in der
prakrti die
Erscheinungsweisen der Natur. Ihr Hangen an den
Erscheinungsweisen ist die Ursache für ihre Geburten in gutem oder
schlechtem Mutterschoße. (13.21)
Der höchste Geist in diesem Körper wird der Zuschauer,
der Zulasser, der Erhalter, der Genießer, der große Herr und das höchste
Selbst genannt. (13.22)
Wer so die Seele (puruşa)
und die Natur (prakrti)
zusammen mit den Erscheinungsweisen kennt, wird nicht wiedergeboren,
obschon er in jedem Falle handelt. (13.23)
VERSCHIEDENE WEGE ZUR ERLÖSUNG
Manche shauen das Selbst durch das Selbst in dem Selbst
mittels der Meditation; andere mittels des Wissenspfades und andere
wieder mittels des Werkpfades. (13.24)
Noch andere, die dessen (dieser Yoga-Pfade) unkundig
sind, hören von anderen und üben Verehrung; und auch sie überqueren den
Tod mittels ihrer Hingabe an das, was sie gehört haben. (13.25)
Welches Wesen, beweglich oder unbeweglich, auch immer
geboren wird, wisse, o bester der Bharatas (Arjuna), daß es aus der
Vereinigung des Feldes mit dem Kenner des Feldes (entsprungen) ist.
(Siehe 7.06) (13.26)
Wer in allen Wesen in gleicher Weise
den höchsten Herrn wohnen sieht, der unvergänglich ist, während sie
vergehen, dieser sieht in Wahrheit. (13.27)
Denn, da er den Herrn überrall in gleicher Weise
gegenwärtig sieht, verletzt er sein wahres Selbst nicht durch das Selbst
und gelangt so zum höchsten Ziele. (13.28)
Wer einsieht, daß alle Handlungen nur von der Natur (prakrti)
vollzogen werden, und ebenso, daß das Selbst nicht der Täter ist, dieser
sieht in Wahrheit. (Siehe 3.27,
5.09, und 14.19) (13.29)
Wenn er einsieht, daß das (vielfältige) Einzelsein der
Wesen inmitten des einen gelagert ist und sich von ihm her ausbreitet,
erlangt er das Brahman. (13.30)
Da dieses unvergängliche höchste Selbst ohne Anfang,
ohne Eigenschaften ist, handelt es nicht, o Sohn der Kunti (Arjuna),
noch wird es befleckt, obgleich es im Körper verweilt. (13.31)
Wie der alldurchdringende Äther auf Grund seiner
Feinheit nicht befleckt wird, so erleidet auch das Selbst, das in jedem
Körper vorhanden ist, keine Befleckung. (13.32)
Wie die eine Sonne diese ganze Welt erleuchtet, so
erleuchtet der Herr des Feldes dieses ganze Feld, o Bhârata (Arjuna).
(13.33)
Wer so mit dem Auge der Weisheit den
Unterschied zwischen dem Felde und dem Kenner des Feldes und die
Erlösung der Wesen aus der Natur (prakrti)
wahrnimmt, dieser gelangt zum Höchsten. (13.34)
Dies ist das
dreizehnte Kapitel, genannt: Der Yoga der Unterscheidung zwischen dem
Felde und dem Kenner des Feldes.
14. DER MYSTISCHE
VATER ALLER WESEN
DAS HÖCHSTE WISSEN
Der Erhabene sagte: Ich will dir ferner jene höchste
Weisheit, die beste aller Wissenschaften, erklären, durch deren Kenntnis
alle Weisen aus dieser Welt in die höchste Vollendung hinübergegangen
sind. (14.01)
Indem sie zu diesem Wissen ihre Zuflucht
genommen haben und mit mir wesengleich geworden sind, werden sie
zur Schöpfungszeit nicht wieder geboren, noch werden sie zur Zeit der
Weltauflösung in Bestürzung geraten. (14.02)
Das große Brahman (prakrti)
ist mein Mutterschoß: in dieses lege ich den Samen, und aus ihm geht die
Geburt aller Lebewesen hervor, o Bhârata (Arjuna).
(Siehe 09.10) (14.03)
Was für Gestalten auch immer in irgendwelchen
Mutterschößen entstehen mögen, das große Brahman ist ihr Mutterschoß, o
Sohn der Kuntî (Arjuna), und ich bin der den Samen spendende Vater.
(14.04)
GÜTE, LEIDENSCHAFT UND TRÄGHEIT
Die drei aus der Natur (prakrti)
entstandenen Erscheinungsweisen (guna),
Güte (sattva), Leidenschaft (rajas)
und Tätigkeit (tamas) halten,
o Starkarmiger (Arjuna), den unvergänglichen Körperbewohner im Körper
festgebunden. (14.05)
Unter diesen ruft die Güte (sattva),
da sie rein ist, Erleuchtung und Leidlosigkeit hervor. Sie bindet durch
Hangen am Glück und durch Hangen am Wissen, o Schuldloser. (14.06)
Die Leidenschaft (rajas), wisse, besitzt des Wesen der
Anziehung und entspringt aus Begehren und Anhänglichkeit. Durch Hangen
an dem Werke bindet sie, o Sohn der Kuntî (Arjuna), den Verkörperten
fest. (14.07)
Aber die Trägheit (tamas),
wisse, ist aus der Unwissenheit geboren und verblendet alle verkörperten
Wesen. Sie bindet, o Bhârata (Arjuna), indem (sie die Eigenschaften) der
Nachlässigkeit, der Faulheit und des Schlafes (zur Entfaltung bringt).
(14.08)
Güte verhaftet (den Menschen) an das Glück, Leidenschaft
an das Handeln, aber die das Wissen verhüllende Trägheit, o Bhârata
(Arjuna), verhaftet den Menschen an die Nachlässigkeit. (14.09)
Güte herrscht vor, wenn diese, o Bhârata (Arjuna), die
Leidenschaft und die Trägheit überwältigt, Leidenschaft herrscht vor,
(wenn diese) die Güte und die Trägheit (überwältigt), und ebenso
herrscht Trägheit vor, (wenn diese) die Güte und die Leidenschaft
(überwältigt). (14.10)
Wenn in alle Tore des Körpers das Licht des Wissens
einströmt, dann möge man wissen, daß die Güte zugenommen hat. (14.11)
Gier, Betriebsamkeit, Unternehmung von Werken, Unruhe
und Begehren: diese erheben sich, wenn, o bester der Bharatas (Arjuna),
das rajas zunimmt. (14.12)
Nicht-Erleuchtung, Untätigkeit, Nachlässigkeit und reine
Verblendung: diese entstehen, wenn, o Freude der Kurus (Arjuna), die
Trägheit zunimmt. (14.13)
Wenn die verkörperte Seele zur Auflösung gelangt,
während die Güte vorherrscht, geht sie in die reinen Welten derjenigen
ein, die das Höchste wissen. (14.14)
Wenn sie zur Auflösung gelangt, während die Leidenschaft
vorherrscht, wird sie unter Werkfreudigen wiedergeboren; wenn sie sich
auflöst, während die Trägheit vorherrscht, wird sie in den Mutterschößen
der Verblendeten
wiedergeboren. (14.15)
Die Frucht guter Handlung gilt als güte-artig und rein;
die Frucht der Leidenschaft ist Leiden, die Frucht der Trägheit ist
Unwissen. (14.16)
Aus Güte entsteht Wissen, und aus Leidenschaft entsteht
Begierde; Nachlässigkeit und Irrtum, ebenso auch Unwissenheit, entstehen
aus der Trägheit. (14.17)
Die in der Güte gegründet sind, steigen empor; die
Leidenschaftsvollen verbleiben in den mittleren (Bereichen); die Trägen,
die in das Geschehen der niedrigsten Erscheinungsweise getaucht sind,
sinken nach unten. (14.18)
Wenn der Betrachter keinen anderen Täter als die
Erscheinungsweisen wahnimmt und auch jenes kennt, was hinter den
Erscheinungsweisen liegt, gelangt er zu meinem Sein.
(Siehe 03.27, 05.09, und 13.29)
(14.19)
Erhebt sich die Seele über diese drei
aus dem Körper entspringenden Erscheinungsweisen, so wird sie von
Geburt, Tod, Alter und Leiden befreit und erlangt ewiges Leben. (14.20)
DAS WESEN DES JENSEITS DER DREI
ERSCHEINUNGSWEISEN STEHENDEN MENSCHEN
Arjuna sagte: Durch welche Merkmale, o Herr, ist einer
gekennzeichnet, welcher sich über die drei Erscheinungsweisen erhoben
hat? Welcher Art ist sein Leben? Wie gelangt er über die drei
Erscheinungsweisen hinaus? (14.21)
Der Erhabene sagte: Wer, o Pândava (Arjuna),
Erleuchtung, Tätigkeit und Verblendung nicht verabscheut, wenn sie
eintreten, noch nach ihnen begehrt, wenn sie aufhören, wer wie ein
Gleichgültiger dasitzt, von den Erscheinungsweisen ungestört, wer
abseits steht, ohne zu schwanken, wissend, daß es nur die
Erscheinungsweisen sind, welche handeln, (14.22-23)
Wer Schmerz und Freude für gleich erachtet, in seinem
eigenen Selbst wohnt, wer einen Erdklumpen, einen Stein, ein Stück Gold,
als gleichwertig ansieht, wer bei Angenehmem und Unangenehmem derselbe
bleibt, starken Sinnes ist, Tadel und Lob für einerlei hält, wer in Ehre
und Unehre derselbe bleibt, derselbe gegen Freude und Feinde, wer alle
Unternehmungen aufgegeben hat, der gilt als einer, der sich über die
Erscheinungsweisen erhoben hat. (14.24-25)
Wer mir mit unerschütterlicher,
liebender Hingabe dient, erhebt sich über die drei Erscheinungsweisen;
er ist tauglich, zum Brahman zu werden.
(Siehe 07.14 und 15.19)
(14.26)
Denn ich bin die Wohnstätte Brahmans, des Unsterblichen
und des Unvergänglichen, des ewigen Gesetzes und der vollkommenen Wonne.
(14.27)
Dies ist das
vierzehnte Kapitel, genannt: Der Yoga der Unterscheidung der drei
Erscheinungsweisen.
15. DER BAUM DES
LEBENS
DER KOSMISCHE BAUM
Der Erhabene sagte: Man spricht von dem unvergänglichen
Aśvattha (Pipal-Baum), der seine Wurzeln oben und seine Zweige unten
hat. Seine Blätter sind die Veden, und wer dies weiß, ist ein Kenner der
Veden. (15.01)
Seine von den Erscheinungsweisen genährten Äste
erstrecken sich nach unten un nach oben und haben die Sinnesobjekte als
Zweige; und untem, in der Menschenwelt, breiten sich die Wurzeln aus,
die zu Handlungen führen. (15.02)
Seine wirkliche Gestalt kann hier nicht dieser From
wahrgenommen werden, auch nicht sein Ende, noch sein Anfang, noch seine
Grundlage. Nachdem man diesen stark verwurzelten Aśvattha (Pipal Baum)
mit dem mächtigen Schwerte der Nicht-Anhänglichkeit gefält hat, soll man
darnach jenen Pfad aufsuchen, von welchem nimmer zurückkehrt, wer ihn
erreicht hat, denkend: „Ich nehme meine zuflucht zum Ur-puruşa,
von dem dieser alte Weltenstrom (die kosmische Entwicklung) ausgegangen
ist.“ (15.03-04)
Wer frei von Stolz und Verblendung
ist, das Übel des Anhangens überwunden hat, wer, die Begierden
beruhigend, sich stets dem höchsten Geiste hingibt, wer von den
Gegensätzen, die wir mit Freude und Schmerz benennen, befreit und
unverblendet ist, der geht in den ewigen Zustand ein. (15.05)
DAS OFFENBARE LEBEN IST NUR EIN
TEIL
Diese erleuchten weder die Sonne noch der Mond noch das
Feuer. Das ist meine höchste Wohnstätte, von welcher nimmer zurückkehrt,
wer sie erreicht hat. (15.06)
DER HERR ALS DAS LEBEN DER WELT
Ein Teil (oder Bruchstück) meines
eigenen Selbst, welcher in der Welt des Lebens zur lebendigen, ewigen
Seele geworden ist, zieht die in der Natur ruhenden Sinne, deren
sechster das Denkorgan ist, an sich. (15.07)
Wenn der Herr seinen Körper annimmt
und ihn wieder verläßt, nimmt er diese (die Sinne und das Denkorgan) und
geht dahin, wie der Wind die Düfte fortträgt von ihren Orten.
(Siehe 02.13) (15.08)
Er genießt die Sinnesobjekte, indem er sich des Ohrs,
des Auges, des Tastsinnes, des Geschmacks, des Geruchs und des
Denkorgans bedient. (15.09)
Wenn er ausgeht oder verweilt oder, von den
Erscheinungsformen berührt, genießt: die Verblendeten sehen ihn (die
innewohnende Seele) nicht, wohl aber sehen (ihn) jene, welche das Auge
der Weisheit besitzen (oder deren Auge die Weisheit ist). (15.10)
Auch die sich abmühenden Weisen schauen ihn als im
Selbst gegründet, aber die Unverständigen, deren Seelen ungebändigt
sind, finden ihn nicht, obgleich sie sich bemühen.(15.11)
Jenen Glanz der Sonne, der diese ganze Welt erleuchtet,
den, der im Monde ist, den, der im Feuer ist, jenen Glanz erkenne als
den meinen. (Siehe 13.17 und
15.06) (15.12) Und ich erhalte alle Wesen durch
meine lebenspendende Kraft, indem ich in die Erde eingehe; und ich nähre
alle Kräuter (oder Pflanzen), indem ich zum saftreichen Soma (Mond)
werde. (15.13) Indem ich in den Körpern der
lebendigen Geschöpfe zum Lebensfeuer werde und mich mit den Aushauchen
und Einhauchen vermische, verdaue ich die vier Arten der Nahrung.
(15.14) Und ich wohne
in den Herzen aller; von mir stammen Erinnerung und Wissen sowie deren
Verlust. Ich bin es, fürwahr, der durch alle Veden zu erkennen ist. Ich
(bin), fürwahr, der Urheber des Vedânta und auch der Kenner der Veden.
(Siehe 06.39) (15.15)
DIE ALLERHÖCHSTE PERSON Es gibt zwei Personen auf der
Welt; die vergängliche und die unvergängliche; die vergängliche sind
alle diese Wesen, und die unveränderliche ist die unvergängliche.
(15.16) Ein anderer als diese aber ist
der höchste Geist, der als das höchste Selbst bezeichnet wird und als
unvergänglicher Herr in die drei Welten eingeht und sie erhält. (15.17) Da ich das
Vergängliche übersteige und höber selbst als das Unvergängliche bin,
werde ich in der Welt und im Veda als die höchste Person (puruşottama)
gefeiert. (15.18) Wer mich in dieser Weise
unverblendet als die höchste Person erkennt, der weiß alles und verehrt
mich mit seinem ganzen Wesen (seinem ganzen Geiste), o Bhârata (Arjuna).
(Siehe 07.14, 14.26, und 18.66) (15.19) So habe ich dir, o Schuldloser,
nun die höchst geheime Lehre dargelegt. Ein Mensch, der dieselbe kennt,
wird weise und gelangt zur Erfüllung aller seiner Pflichten, o Bhârata
(Arjuna). (15.20) Dies ist das
fünfzehnte Kapitel, genannt: Der Yoga der höchsten Person.
16. DIE NATUR DES
GOTTGLEICHEN
IND DES
DÄMONISCHEN GEISTES
DIE GOTTGLEICHEN
Der Erhabene sagte: Furchtlosigkeit, Reinheit des
Geistes, kluge Verteilung von Wissen und Versenkung, Mildtätigkeit,
Selbstbeherrshung und Opfer, Studium der Schriften, Askese und
Aufrichtigkeit, Gewaltlosigkeit, Wahrheit, Nicht-Zürnen, Entsagung,
Ruhe, Nicht-Verleumdung, Mitleid mit den Geschöpfen, Begierdelosigkeit,
Milde, Bescheidenheit und Beständigkeit (Nicht-Wankelmütigkeit), Kraft,
Vergebung, Stärke, Reinheit, Nicht-Böswilligkeit und Nicht-Hochmut: dies
(sind die Anlagen) dessen, der mit göttlicher Natur geboren wurde.
(16.1-3)
DIE DÄMONISCHEN
Prahlsucht, Anmaßung, Überheblichkeit, Zorn, Rauheit und
Unwissen: dies (sind die Anlagen) dessen, der mit dämonischer Natur
geboren wurde. (16.04)
DIE FOLGEN DIESER BEIDEN NATUREN
Die göttlichen Anlagen führen, so heißt es, zur
Erlösung, die dämonischen zur Bindung. Sei nicht betrübt, o Pândava
(Arjuna), du bist mit göttlichen Anlagen (für ein göttliches Geschick)
geboren. (16.05)
DIE NATUR DER DÄMONISCHEN
Es gibt zwei Arten von Geschöpfen in der Welt; die
göttlichen und die dämonischen. Die Göttlichen sind ausführlich
beschrieben worden. Vernimm von mir, o Pârtha (Arjuna), über die
Dämonischen. (16.06)
Die Dämonischen wissen nichts vom Weg des Handelns und
nichts vom Weg der Entsagung. Es fnden sich in ihnen weder Reinheit noch
gutes Betragen noch Wahrheit. (16.07)
Sie behaupten, daß die Welt unwirklich sei, ohne
Grundlage, ohne Herrn, in keiner geordneten kausalen Abfolge entstanden,
kurz: duch Begierde verursacht. (16.08)
An dieser ihrer Ansicht festhaltend, erheben sich diese
verlorenen Seelen, deren Einsicht schwach und deren Taten grausam sind,
als die zur Zerstörung gereichenden Feinde der Welt. (16.09)
Unersättlichen Begierden verfallend, von Heuchelei,
Hochmut und Anmaßung erfült, aus Verblendung falsche Ansichten fassend,
handeln sie nach unreinen Entschlüssen. (16.10)
Von unzähligen Sorgen bedrängt, die nur mit (ihrem)Tode
ein Ende fänden, die Befriedigung der Begierden als ihr höchstes Ziel
erachtend, überzeugt, daß dieses alles sei, (16.11)
von hundert Banden der Begierden gebunden, der Wollust
und dem Zorne hingegeben, trachten sie darnach, durch unrechte Mittel
Massen von Reichtümern anzuhäufen, um ihre Begierden zu befriedigen.
(16.12)
„Dies habe ich heute gewonnen; diesen Wunsch werde ich
erlangen; dieses Gut ist mein und dieses wird (künftighin) auch mein
sein. (16.13)
Ich habe diesen Feind getötet und werde auch noch andere
töten. Ich bin Herr, ich bin der Genießer, ich habe Erfolg, bin mächtig
und glückich. (11.14)
Ich bin reich und wohlgeboren. Wer ist es, der mir
gleicht? Ich werde opfern, ich werde schenken, ich werde froh sein“, so
sprechen sie, von Unwissenheit verblendet. (16.15)
Von vielen Gedanken verwirrt, in die Maschen der
Verblendung verstrickt und der Befriedigung ihrer Sinne verschworen,
fallen sie in eine schmutzige Hölle. (16.16)
Eingebildet, eigensinnig, von Stolz und dem Dünkel des
Reichtums erfüllt, vollziehen sie Opfer, die dies nur ihrem Namen nach
sind, prahlerisch und ohne auf Regeln zu achten. (16.17)
Der Selbstsucht, der Gewalt, dem Stolze, der Wollust und
dem Zorne hingegeben, verachten mich diese böswilligen Menschen, der ich
in ihnen selbst und in anderen wohne. (16.18)
In (diesem Kreislauf der) Geburten und (der) Tode stoße
ich diese Übeltäter, diese grausamen Hasser, die niedrigsten unter den
Menschen, ununterbrochen in die Mutterschöbe der Dämonen. (16.19)
In die Mutterschöße der Dämonen gefallen, von Geburt zu
Geburt verblendet, erreichen mich, o Sohn der Kunti (Arjuna) diese Wesen
nicht, sondern sinken in den niedersten Zustand hinab.(16.20)
DIE DREIFACHE PFORTE ZUR HÖLLE
Diese Pforte zur Hölle, welche die Seele zerstört, ist
dreifach: Wollust, Zorn und Gier. Daher soll man diese drei aufgeben.
(16.21)
Der Mensch, welcher von diesen, den drei Pforten zur
Dunkelheit, erlöst ist, tut, was zum Heile seiner Seele gereicht, und
gelangt hierauf, o Sohn der Kunti (Arjuna), in den höchsten Zustand.
(16.22)
DIE ALTEN SCHRIFTEN ALS
RICHTSCHNUR UNSERER PFLICHTEN
Wer sich jedoch der in den Schriften enthaltenen Gezetze
entledigt und handelt, wie es seine Begierden eingeben, dieser erlangt
weder Vollendung noch Glück noch das höchste Ziel. (16.23)
Darum möge in der Bestimmung dessen, was getan und was
nicht getan werden soll, die Schrift dein Maßstab sein. Wissend, was
durch die Gesetze der Schrift vorgezeichnet ist, sollst du dein Werk auf
dieser Erde vollbringen. (16.24)
Dies ist das
sechzehnte Kapitel, genannt: Der Yoga der Unterscheidung zwischen den
göttlichen und den dämonischen Anlagen.
17. DIE DREI
ERSCHEINUNGSWEISEN,
AUF RELIGIÖSE
PHÄNOMENE ANGEWENDET
DIE DREI ARTEN DES GLAUBENS
Arjuna sagte: Welche Stellung, o Kŗşna, nehmen jene ein,
welche die Anordnungen der Schriften vernachlässigen, aber, von Glauben
erfüllt, Opfer darbringen? Ist es eine solche der Güte, der Leidenschaft
oder der Trägheit? (17.01)
Der Erhabene sagte: Der Glaube der Verkörperten ist von
dreierlei Art, da er aus ihrer Natur entspringt: gut, leidenschaftlich
und träge. Höre nun darüber. (17.02)
Der Glaube eines jeden Menschen stimmt, o Bhârata
(Arjuna), mit seiner Natur überein. Der Mensch wird von der Natur seines
Glaubens geprägt: Wie sein
Glaube ist, so ist, fürwahr, auch er. (17.03)
Die guten Menschen verehren die Götter, die
leidenschaftlichen verehren die Halbgötter und die Dämonen, und die
anderen, die Trägen, verehren die Geister und die Gespenster. (17.04)
Jene Menschen, welche eitel und selbstsüchtig sind, von
der Macht der Lust und der Leidenschaft angetrieben werden, eine
furchtbare, von den Schriften nicht angeordnete Askere verrichten,
diese Törichten bedrängen die Gruppe der Elemente in ihrem Körper
und mich auch, der im Körper wohne. Wisse, daß ihre Entschlüsse
dämonisch sind. (17.05-06)
DREI ARTEN DER NAHRUNG
Auch die Nahrung, die jedem lieb ist, ist von dreierlei
Art. Ebenso die Opfer, die Askese und die Schenkungen. Vernimm ihre
Unterscheidung. (17.07)
Die Nahrungsmittel, welche das Leben, die Lebenskraft,
die Stärke, die Gesundheit, die Freude und die Fröhlichkeit fördern,
welche süß, milde, nahrhaft und angenehm sind, werden von den „Guten“
geliebt. (17.08)
Die Nahrungsmittel, welche bitter, sauer, salzig, sehr
heiß, stechend, raub und brennend sind und Schmerz, Kümmernis und
Unbehagen hervorrufen, werden von den „Leidenschaftlichen“ geliebt.
(17.09)
Was verdorben, geschmacklos, faul, abgestanden,
übriggeblieben und unrein ist, stellt die von den „Trägen“ geliebte
Nahrung dar. (17.10)
DREI ARTEN DES OPFERS
Jenes Opfer ist „gut“, welches dem Gesetze der Schrift
entsprechend von solhen dargebracht wird, die keinen Lohn erwarten und
fest daran glauben, daß es ihre Pflicht ist, ein Opfer zu vollziehen.
(17.11)
Was jedoch in Erwartung eines Lohnes oder um sich zur
Schau zu stellen, geopfert wird, wisse, o bester der Bhâratas (Arjuna),
daß ein solches Opfer „leidenschaftlich“ ist. (17.12)
Das Opfer, welches nicht mit dem Gesetz übereinstimmt,
in welchem keine Nahrung gespendet wird, keine Hymnen gesungen und keine
Opfergelder gezahlt werden, welches glaubensleer ist, nennt man
„töricht“.
DREI ARTEN DER ASKESE
Verehrung der Götter, der Zweimal-Geborenen, der Lehrer
und der Weisen, Reinheit, Aufrichtigkeit, Enthaltsamkeit und
Gewaltlosigkeit: dies gilt als Askese des Körpers. (17.14)
Ein nicht verletzendes, wahrhaftes,
angenehmes und nutzbringendes Äußern (von Worten) und regelmäßiges
Rezitieren des Veda: dies gilt als Askese der Rede. (17.15)
Heiterkeit des geistes, Sanftheit, Stille,
Selbstbeherrschung, Reinheit des Gemüts: dies wird Askese des Geistes
genannt. (17.16)
Diese dreifache Askese nennt man „gut“, wenn sie von
Menschen ausgeglichenen Geistes, die keinen Lohn erwarten, in höchstem
Glauben ausgeführt wird. (17.17)
Jene Askese, die geübt wird, um Achtung, Ehre und
Verehrung zu gewinnen oder sich zur Schau stellen zu können, wird
„leidenschaftlich“ genannt; sie ist unbeständig und ohne Dauer. (17.18)
Jene Askese, die sich in törichter Hartnäckigkeit
selbstquälerischer Mittel bedient oder andere zu benachteiligen sucht,
wird „töricht“ genannt. (17.19)
DIE DREI ARTEN VON GABEN
Eine Gabe, die man jemandem überreicht, ohne ihre
Rückgabe zu erwarten, fühlend, daß man sie zu geben verpflichtet sei,
und die an einem rechten Orte und zu rechter Zeit und einer würdigen
Person gegeben wird, eine solche Gabe wird als „gut“ erachtet. (17.20)
Eine Gabe aber, die in Hoffnung auf
eine Gegengabe oder in Erwartung eines zukünftigen Gewinnes oder mit
Kummer gegeben wird, hält man für „leidenschaftlich“. (17.21)
Und eine Gabe, die an einem unrechten Orte oder zu
unrechter Zeit oder einer unwürdigen Person ohne die richtige Form und
mit Verachtung gegeben wird, eine solche wird als „töricht“ bezeichnet.
(17.22)
DER MYSTISCHE SPRUNCH: OM TAT SAT
„Om Tat Sat“ – dies wird als das dreifache Symbol des
Brahman angesehen. Durch dieses wurden einst die Brahmanen, die Veden
und die Opfer eingesetzt (17.23)
Die Erklärer des Brahman unternehmen daber die in den
Schriften vorgeschriebenen Handlungen des Opfers, des Schenkens und der
Askese immer mit dem Aussprechen des Wortes „om“. (17.24)
Und die nach Erlösung suchen, vollziehen die Handlungen
des Opfers und der Askese un die verschiedenen Handlungen des Schenkens
mit dem Aussprechen des Wortes „tat“, ohne nach dem Lohn zu begehren.
(17.25)
Das Wort „sat“ wird in der Bedeutung Wirklichkeit und
Güte verwendet; und so wir, o Pârtha (Arjuna), das Wort „sat“ auch für
eine lobwürdige Handlung gebraucht. (17.26)
Die Beharrlichkeit im Opfer, in der Askese und im Geben
wird gleichfalls „sat“ genannt, und so wird auch jede zu solchen Zwecken
ausgeführte Handlung „sat“ genannt. (17.27)
Welches Opfer oder welche Gabe auch
immer dargebracht wird, welche Askese auch immer betrieben, welche
Zeremonie auch immer vollzogen wird, man nennt sie, o Pärtha (Arjuna),
„asat“, wenn es ohne Glauben geschieht; sie haben weder später noch hier
auf Erden irgendeine Bedeutung. (17.28)
Dies ist das
siebzehnte Kapitel, genannt: Der Yoga der dreifachen Einteilung des
Glaubens.
18. ENTSAGUNG
SOLL NICHT AN DEN WERKEN, SONDERN AN DEN FRÜCHTEN DER WERKE
GEÜBT WERDEN
Arjuna sagte: Ich wünsche, o Starkarmiger (Kŗşna), das
wahre Wesen des Verzichts und, o Hŗşikeśa (Kŗşna), der Entsagung im
einzelnen zu erkennen, o Keśinişûdana (Kŗşna). (18.01)
Der Erhabene sagte: Unter Verzicht
versteht der Weise das Aufgeben aller von der Begierde eingegebenen
Werke. Entsagung, so erklären die Gelehrten, ist das Aufgeben der
Früchte aller Werke.
(Siehe
5.01, 5.05, und 6.01) (18.02)
Einige gelehrte Männer sagen: „Das Handeln ist als etwas
Übles aufzugeben“; andere erklären, daß „die Handlungen des Opfers, des
Gebens und der Askese nicht aufzugeben“ sind. (18.03)
Vernimm nun von mir, o bester der Bharatas (Arjuna), die
Wahrheit über Entsagung: Die Entsagung, o bester der Männer (Arjuna),
ist als von dreifacher Art verkündet worden. (18.04)
Handlungen des Opfers, des Gebens und der Askese sind
nicht aufzugeben, sondern durchzuführen. Denn Opfer, Gaben und Askese
sind die Läuterer des Weisen. (18.05)
Aber auch diese Werke sind auszuführen, indem
Anhänglichkeit und Begierde nach den Früchten aufgegeben werden. Dies, o
Pârtha (Arjuna), ist meine entschiedene und endgültige Meinung. (18.06)
Der Verzicht auf irgendeine Pflicht, die erfüllt werden
soll, ist wahrlich nich richtig. Das aus Unwissenheit erfolgende
Aufgeben derselben wird als seiner Natur nach „töricht“ bezeichnet.
(18.07)
Wer eine Pflicht aufgibt, weil sie schmerzvoll ist, oder
aus Furcht vor körperlichem Leiden, der vollzieht allein das
„leidenschaftliche“ Entsagen und gewinnt den Lohn der Entsagung nicht.
(18.08)
Wer aber, aller Anhänglichkeit und aller Furcht
entsagend, eine vorgeschriebene Pflicht ausführt, weil sie getan werden
soll, dessen Entsagung wird für eine „gute“ Entsagung gehalten. (18.09)
Der weise Mann, der entsagt, dessen Zweifel zerstreut
sind, der die Natur der „Güte“ besitzt, kennt keine Abneigung vor
unangenehmer Handlung und kein Anhangen an angenehmer Handlung.
(18.10)
Es ist jedem verkörperten Wesen in
der Tat unmöglich, ganz und gar auf das Handeln zu verzichten. Wer aber
die Frucht des Handelns aufgibt, der wird ein Entsagender genannt.
(18.11)
Angenehm, unangenehm und gemischt: dreifach ist die
Frucht des Handelns, die denjenigen nach dem Tode erwächst, die nicht
entsagt haben. Für jene, die verzichtet haben, gibt es keine. (18.12)
HANDELN IST SACHE DER NATUR
Erfahre von mir, o Starkarmiger (Arjuna), diese fünf
Faktoren, die in der Sâmkhya-Lehre verkündet wurden und das
Zustandekommen aller Handlungen bewirken: der Sitz der Handlung und
ebenso der Handelnde, die verschiedenartigen Instrumente, die
mannigfachen Anstrengungen und die Vorsehung als das fünfte. (18.13-14)
Was für eine Wandlung auch immer ein Mensch mit seinem
Körper, seiner Rede und seinem Geiste unternimmt, sei sie recht oder
unrecht: diese fünf sind ihre Faktoren. (18.15)
Welcher Mensch verkehrten Sinne sich unter solchen
Umständen als einzigen Täter betrachtet, der sieht, da sein Verstand
ungebildet ist, nicht (richtig). (18.16)
Wer frei ,von Selbst-Sinn ist, wessen Verstand nicht
befleckt wird, der, mag er auch diese Leute töten, tötet (doch) nicht
und wird (durch seine Taten) nicht gebunden. (18.17)
ERKENNEN UND HANDELN
Das Erkennen, das Objekt des Erkennens und das
erkennende Subjekt bilden den dreifachen Antrieb zum Handeln; das
Instrument, die Handlung und der Handelnde bilden die dreifache
Zusammensetzing der Handlung. (18.18)
In der Wissenschaft von den Erscheinungsformen gelten
Erkennen, Handlung und Handelnder als von dreierlei Art entsprechend dem
Unterschiede in den Erscheinungsformen. Auch von diesen sollst du
gebührlich hören. (18.19)
DIE DREI ARTEN DES ERKENNENS
Die Erkenntnis, durch welche man die eine unvergängliche
Wesenheit in allen Wesen erblickt, ungeteilt in den geteilten, diese
Erkenntnis, wisse, ist von der Art der „Güte“.
(Siehe 11.13, und 13.16)
(18.20)
Die Erkenntnis, welche in den verschiedenen Geschöpfen
auf Grund ihres Einzelseins eine Vielheit von Wesen erblickt, diese
Erkenntnis, wisse, ist von der Art der „leidenschaft“. (18.21)
Was sich aber an eine einzige Wirkung, als wäre sie das
Ganze, klammert, ohne Rücksicht auf die Ursache, ohne das Wirkliche zu
erfassen, und in engstirniger Weise, dies wird als von „törichter“ Natur
bezeichnet. (18.22)
DIE DREI ARTEN DER WERKE
Eine Handlung, die verpflichtend ist, die von einem
micht nach der Frucht Verlangenden ohne Anhänglichkeit, ohne Liebe oder
Haß verrichtet wird, gilt ihrer Natur nach als „gut“. (18.23)
Eine Handlung aber, die in großer Anstrengung von
jemandem getan wird, der seine Begierden zu befriedigen trachtet oder
vom Ich-Sin angetrieben wird, nennt man ihrer Natur nach
„leidenschaftlich“. (18.24)
Eine Handlung, die aus Unwissenheit unternommen wird,
ohne auf die Folgen, auf Verlust, Schaden und eigene menschliche
Fähigkeit Rücksicht zu nehmen, gilt als von „törichter“ Art. (18.25)
DIE DREI ARTEN DES HANDENDEN
Den Handelnden, der frei von Anhänglichkeit ist keine
ichsüchtigen Reden führt, voll von Entschußkraft und Eifer ist und von
Erfolg oder Fehlschlag nicht bewegt wird, nennt man seiner Natur nach
„gut“. (18.26)
Den Handelnden, der von Leidenschaft beherrscht wird,
der gierig nach der Frucht seiner Werke strebt, der von verletzendem
Wesen und unrein ist, der von Freude und Leid bewegt wird, nennt man
seiner Natur nach „leidenschaftlich“. (18.27)
Den Handelnden, der ohne Gleichgewicht, gemein,
eigensinnig, betrügerisch, böswillig, faul, verzagt und säumig ist,
nennt man seiner Natur nach „trâge“. (18.28)
DIE DREI ARTEN DER VERNUNFT
Höre nun, o Schätzegewinner (Arjuna), die entsprechend
den Erscheinungswesen dreifache Unterscheidung der Vernunft und der
Festigkeit, die ich vollständig und im einzelnen darlegen will. (18.29)
Die Vernunft, welche weiß, was Handeln und
Nicht-Handeln, was zu tun und was nicht zu tun ist, was zu fürchten und
was nicht zu fürchten ist, was bindet und was (die Seele) befreit,
(diese Vernunft), o Pârtha (Arjuna), ist ihrer Natur nach „gut“. (18.30)
Jene (Vernunft), durch welche man das Rechte und das
Unrechte, was zu tun und was nicht zu tun ist, in falscher Weise
erkennt, diese Vernunft, o Pârtha (Arjuna), ist ihrer Natur nach
„leidenschaftlich“. (18.31)
Jene (Vernunft), welche, in Dunkelheit gehüllt, das
Unrechte für das Rechte hält und alle Dinge verkehrt (der Wahrheit
entgegengesetzt) sieht, diese Vernunft, o Pârhta (Arjuna), ist ihrer
Natur nach „töricht“. (18.32)
DIE DREI ARTEN DER FESTIGKEIT
Die unerschütterliche Festigkeit, mittels welcher man
durch Konzentration die Tätigkeiten des Geistes, die Atemhauche und die
Sinne bändigt, diese, o Pârtha (Arjuna), ist ihrer Natur nach
„gut“.(18.33)
Die Festigkeit, mit welcher man an der Pflicht, an
Freude und Reichtümern festhält, nach der daraus folgenden Frucht
verlangend, diese, o Pârtha (Arjuna), ist ihrer Natur nach
„leidenschaftlich“. (18.34)
Die Festigkeit, mit welcher ein Tor nicht von Schlaf,
Furcht, Kummer, Niedergeschlagenheit und Hochmut abläßt, diese, o Pârtha
(Arjuna), ist ihrer Natur nach „töricht“. (18.35)
DIE DREI ARTEN DES GLÜCKES
Und höre nun von mir, o bester der Bharatas (Arjuna),
die drei Arten des Glückes. Jenes, an dem man sich nach langer Übung zu
erfreuen vermage und in welchem man das Ende seines Kummers erreicht,
(18.36)
Jenes Glück, das zuerst wie Gift und schießlich wie
Nektar ist, welches aus einem klaren Verständnis des Selbst entspringt,
gilt als seiner Natur nach „gut“. (18.37)
Jenes Glück, das aus der Berührung
der Sinne mit den Objekten entspringt, und welches zuerst wie Nektar und
schießlich wie Gift ist, solches Glück wird „leidenschatlich“ genannt.
(Siehe 05.22) (18.38).
Jenes Glück, welches sowohl anfangs als auch am Ende die
Seele betört und aus Schlaf, Faulheit und Nachlässigkeit entspringt,
dieses (Glück) wird seiner Natur nach „töricht“ geheißen. (18.39)
DIE EIGENE WESENSNATUR (svabhâva)
UND STELLUNG (dharma)
BESTIMMEN DIE VERSCHIEDENEN
PFLICHTEN
Es gibt kein Geschöpf, weder auf Erden noch unter den
Göttern im Himmel, welches frei von den drei aus der Natur entsprungenen
Erscheinungweisen ist. (18.40)
In Übereinstimmung mit den aus ihrer Natur erwachsenen
Eigenschaften unterscheiden sich, o Feindbezwinger (Arjuna), die
Tätigkeiten der Brahmanen, der Kşatriyas, der Vaiśyas und auch der
Sûdras voneinander. (Siehe
04.13) (18.41)
Heiterkeit, Selbstbeherrschung, Askese, Reinheit,
Nachsicht und Aufrichtigkeit, Weisheit, Wissen und religiöser Glaube:
dies sind die aus seiner Natur entsprungenen Pflichten des Brahmanen.
(18.42)
Heldentum, Kraft, Standhaftigkeit, Findigkeit,
Durchhalten auch im Kampfe, Großherzigkeit und Führerschaft: dies sind
die aus seiner Natur entsprungenen Pflichten eines Kşatriya. (18.43)
Ackerbau, Viehzucht und Handel sind die aus seiner Natur
entsprungenen Pflichten eines Vaiśya; dienende Arbeit ist die aus seiner
Natur entsprungene Pflicht eines Sûdra. (18.44)
Der Mensch erlangt Vollendung, wenn sich jeder seiner
eigenen Pflicht befleißigt. Auf welche Weise man, sich seiner Pflicht
befleißigend, Vollendung erlangt, dies höre nun. (18.45)
Indem er ihm, aus dem alle Wesen
entstehen und von dem dies alles durchdrungen wird, durch die Ausführung
seiner eigenen Pflicht Verehrung erweist, erlangt der Mensch die
Vollendung. (Siehe 09.27, und
12.10) (18.46)
Es ist besser, sein eigenes Gesetz unvollkommen, als das
Gesetz eines anderen vollkommen auszuführen. Wenn man die durch die
eigene Natur gesetzte Pflicht verrichtet, zieht man sich keine Sünde zu.
(Siehe 03.35) (18.47)
Man soll das seiner Natur angemessene Werk nicht
aufgeben, mag es auch, o Sohn der Kunti (Arjuna), fehlerhaft sein. Wie
das Feuer vom Rauch, sind alle Unternehmungen von Mängeln umhüllt.
(18.48)
KARMAYOGA UND LETZTE VOLLENDUNG
Er, dessen Verstand nirgendwo haftet, er sein Selbst
bezähmt hat, und dem die Begierde gewichten ist, gelangt durch Entsagung
in den höchsten alles Werk überschreitenden Zustand. (18.49)
VOLLENDUNG UND BRAHMAN
Vernimm nun von mir in Kürze, o Sohn der Kunti (Arjuna),
wie dieser, nachdem er Vollkommenjeit erlangt hat, zu Brahman, der
höchsten Weisheitsvollendung, gelangt. (18.50)
Mit reinem Verstande ausgestattet, sich mit Stärke
zügelnd, sich abkehrend vom Ton und den übrigen Sinnesobjekten, und
Zuneigung und Abneigung abwerfend, in Einsamkeit verweilend, nur wenig
essend, Rede, Körper und Geist im Zaume haltend, stets in Meditation und
Versenkung befindlich, seine Zuflucht zur Leidenschaftslosigkeit nehmend
und Selbst-Sinn, gewalt, Hochmut, Begierde, Zorn und Besitz abwerfend,
wird er, der ichlos und ruhigen Geistes ist, würdig, mit dem Brahman
eins zu werden. (18.51-53)
DIE HÖCHSTE HINGABE
Ist er mit dem Brahman eins und ruhigen Geistes
geworden, so trauert er nicht mehr und begehrt nicht. Alle Wesen als
gleich betrachtend, erlangt er die höchste Hingabe an mich. (18.54)
Durch Hingabe erkennt er mich, meine
Größe und wer ich in Wahrheit bin. Nachdem er mich in Wahrheit erkannt
hat, geht er alsbald in mich ein. (18.55)
ANWENDUNG DER LEHRE AUF ARJUNA
Indem er, zu mir seine Zuflucht nehmend, immerdar alle
Werke verrichtet, erreicht er durch meine Gnade die ewige,
unvergängliche Wohnstätte. (18.56)
Im Geiste alle Handlungen an mich
übergebend, mich als den Höchsten betrachtend und festhaltend in der
Stârke des Verstandes, sollst du dein Denken stets auf mich richten.
(18.57)
Mein gedenkend, wirst du durch meine Gnade alle
Schwierigkeiten überwinden. Du wirst hingegen zugrundegehen, wenn du aus
Selbstdünkel nicht (auf mich) hören willst. (18.58)
Wenn du, deinem Eigendünkel folgend, denkst: „Ich will
nicht kämpfen“, so ist dieser Entschluß vergeblich. Die Natur wird dich
zwingen. (18.59)
Was du aus Verblendung nicht zu tun begehrst, dies, o
Sohn der Kunti (Arjuna), mußt du, von deinen aus deiner Natur
entsprungenen Taten gefesselt, vollbringen, auch wenn es gegen deinen
Willen geht. (18.60)
Der Herr wohnt in den Herzen aller
Wesen, o Arjuna, und treibt sie durch seine Kraft herum, als wären sie
auf eine Maschine gesetzt. (18.61)
Nimm mit deinem ganzen Sein zu ihm deine Zuflucht, o
Bhârata (Arjuna). Durch seine Gnade wirst du den höchsten frieden und
die ewige Wohnung erlangen. (18.62)
So habe ich dir das Wissen dargelegt, das geheimer als
alle Geheimnisse ist. Denke darüber gründlich nach und tue, wie du
willst. (18.63)
LETZTE AUFFORDERUNG
Höre weiter mein höchstes Wort, das geheimste von allen.
Ich habe dich sehr lieb und werde dir daher sagen, was für dich gut ist.
(18.64)
Richte deinen Geist auf mich; sei mir ergeben; opfere
mir; verehre mich; so wirst du zu mir gelangen. Ich verspreche es dir
wahrhaftig, denn du bist mir lieb. (18.65)
Gib alle Pflichten auf und nimm
allein zu mir deine Zuflucht. Sei nicht betrübt, den ich werde dich von
allen Übeln erlösen. (18.66)
DER LOHN FÜR DIE BEFOLGUNG DER
LEHRE
Du darfst dies niemals
einem sagen, dessen Lebenswandel ohne Askese oder welcher ohne
Frömmigkeit oder ohne Gehorsam ist oder übel von mir spricht. (18.67)
Wer jene, die mir anhangen, dieses
höchste Geheimnis lehrt, der wird, nachdem er mir so die höchste
Verehrung erwiesen hat, ohne Zweifel zu mir gelangen. (18.68)
Niemand ist unter den Menschen, der
mir etwas Lieberes tut als er, noch wird mir ein anderer teurer sein in
dieser Welt. (18.69)
Und wer diese unsere heilige Zwiesprache studiert, der
opfert mir, so denke ich, durch das Opfer des Wissens. (18.70)
Und auch jener Mensch, der sie gläubig und ohne Spott
anhört, auch er wird erlöst in die glückseligen Welten der
Rechtschaffenen eingehen. (18.71)
O Pârtha (Arjuna), hast du dies-mit auf einen Punkt
gerichtetem Denken vernommen? O Schätzegewinner (Arjuna), ist deine
durch Unwissenheit veranlaßte (geistige) Verblendung zerstreut worden?
(18.72)
SCHLUSS
Arjuna sagte: Meine Verblendung ist aufgehoben, und ich
habe durch deine Gnade, o Acyuta (Kŗşna), Erkenntnis gewonnen. Ich stehe
fest, von Zweifeln frei. Ich werde nach deinem Worte handeln. (18.73)
Samjaya sagte: So habe ich diese wunderbare, meine Haare
zum Sträuben bringende Zwiesprache zwischen Vâsudeva (Kŗşna) und dem
hochherzigen Pârtha (Arjuna) gehört. (18.74)
Durch die Gnade Vyâsas vernahm ich dieses höchste
Geheimnis, den Yoga, den Kŗşna, der Herr des Yoga, selbst gelehrt hat.
(18.75)
Indem ich mir, o König, immer wieder diese wunderbare
und heilige Zwiesprache zwischen Keśava (Kŗşna) und Arjuna ins
Gedächttnis rufe, werde ich wieder und wieder von freude durchzucht.
(18.76)
Und so oft ich mir jene wunderbarste Gestalt des Hari
(Kŗşna) ins Gedächtnis rufe, ist mein Erstaunen groß, und ich werde, o
König, wieder und wieder von Freude durchzuckt. (18.77)
Wo Kŗşna, ist, der Herr des Yoga, und
Pârtha (Arjuna), der Bogenschütze, dort, so meine ich, ist gewiß das
Glück, der Sieg, die Wohlfahrt und die rechte Sitte. (18.78)
Dies ist das
achtzehnte Kapitel, genannt: Der Yoga der Erlösung durch Entsagung.
Hier endet die
Bhagavadgitâ-Upanişad.
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